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Thomas Köster feiert das Jubiläum mit...

Aber nicht (mehr) als Pastoralreferent

Die Berufsgruppe der Pastoralreferentinnen und -referenten im Bistum Trier feiert ihr 40Jähriges. Vielleicht werde ich mitfeiern können - jedenfalls aber nicht mehr als Pastoralreferent.

Nachdem ich im Jahr 2008 aus dem Trierer Bistumsdienst ausgeschieden war, bin ich den Weg zum Priesterberuf gegangen und über Stationen in Schwelm (das liegt da, wo mein Heimatbistum Essen in seinen sauerländischen Teil übergeht) und Gelsenkirchen-Buer (nicht weit von Schalke) inzwischen seit einem guten Jahr Pastor in Linden, im Bochumer Süden. „Pastor“ entspricht  im Bistum Essen im Unterschied zum „Pfarrer“ dem, was im Bistum Trier eher „Kooperator“ heißen würde. Die Pfarrei (mit zusammen 28.000 Katholiken) besteht aus fünf Gemeinden.

Die Erwachsenenverbände der Gemeinde, in der ich meinen Dienstsitz habe, hatten mich für Mitte Januar zu einem Vortrag eingeladen; ich gab ihm den Titel „Vom Pastoralreferent zum Pastor – Impulse und Erfahrungen aus 12 Jahren im Bistum Trier“. Das  gab mir die Gelegenheit, noch einmal ein wenig auf die Jahre in Trier zu schauen und darauf, was es mir bedeutet hat, als Pastoralreferent zu arbeiten.

Als ich 1995 als Pastoralassistent im Bistum Trier begann, kam ich mit einer Mischung aus einer Lust auf Praxis nach den Jahren des Studiums einerseits  und einer Unsicherheit, ob denn Seelsorge „was für mich ist“, ob ich da wohl einen hilfreichen Dienst würde tun können. Recht bald hat sich dieses Gefühl von „auf Probe“ verflüchtigt, und ich bin bewusst und mit Überzeugung Pastoralreferent geworden.

Dass dies so war, lag aus meiner Sicht an drei Dingen:

  • Zum einen war Mitte der 90er Jahre die Berufsgruppe bereits etabliert, es gab für mich viele Identifikationsmöglichkeiten und Beispiele (für die Gläubigen und für mich), wie Kolleginnen und Kollegen die Berufsrolle ausfüllten. Ich musste mich also nicht überall grundlegend „erklären“; das half mir, Sicherheit zu gewinnen – ich weiß nicht, ob ich mich für eine „Pionierarbeit“ geeignet hätte, wie sie andere in den ersten Jahren (Hut ab!) geleistet haben.
  • Zum zweiten habe ich ein fundiertes und gut erprobtes Lernkonzept durchlaufen können, handlungsorientiert und vielfältig fachlich begleitet. Im Tun und in der  Reflexion mit Mentor, Fachbegleitungen und Kolleginnen und Kollegen habe ich viel an Handwerkszeug für Seelsorge und für ein „standing“ als Seelsorger erlernen können. Dieses Lernkonzept ist ja berufsgruppenübergreifend und überwiegend in gemeinsamen Veranstaltungen verankert. Daher ist es für mich im Einzelnen oft nicht auseinanderzudividieren, was von dem Gelernten nun pastoralreferenten-spezifisch ist. Aber ich habe es als Pastoralassistent und -referent gelernt, und vieles davon kommt mir heute noch zugute.
  • Drittens haben mich viele spannende inhaltliche Auseinandersetzungen als Pastoralreferent geprägt – ich denke an so manche Jahrestagung der Berufsgruppe und an Diskussionen im Berufsverband; dazu beigetragen hat auch die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen vor Ort: wo wir Dinge im Team planten und durchführten, wo wir in Konferenzen, Arbeitsgruppen oder bei Bürogesprächen unser seelsorgliches Handeln, theologische Positionierungen, Seelsorgeverständnisse oder kirchliche Entwicklungen besprachen und reflektierten.

Wertvolle Impulse – auch für die Arbeit als Pastor

Entsprechend dem begrenzten Rahmen dieses Beitrags möchte ich einige Punkte eher schlaglichtartig benennen, wo ich in meiner Wahrnehmung wertvolle und prägende Impulse aus dieser meiner Zeit als Pastoralreferent mitgenommen habe:

  • Da ist der pastoraltheologische Dreischritt des Sehens-Urteilens-Handelns. Ich bin nicht sicher, ob mir ohne die „Trierer Prägung“ in gleicher Weise wichtig wäre, bewusst und vorurteilsfrei auf Situationen zu schauen, wie sie sind (und nicht, wie man die Wirklichkeit gern hätte).

    Und das Handeln in diesen Vorgang eingebunden zu verstehen und nicht aktionistisch oder neben dem Sehen und Urteilen herlaufend. Wirklichkeit ist ja sehr vielschichtig, und es ist immer die Frage, wohin man wie schaut.

  • Meine kirchliche Prägung ist ziemlich deutlich gemeindeorientiert (und als Pastor und territorialer Seelsorger bin ich auch wieder in ähnlichem Kontext gelandet). Da ist es mir wertvoll, dass ich im eigenen Tun und im Erleben der Kolleginnen und Kollegen hilfreiche und notwendige Ergänzungen und Korrekturen kennengelernt habe, die schon durch den strukturell anderen Einsatz der Pastoralreferentinnen und –referenten bedingt sind.Ihr Einsatz, übergemeindlich, oft jenseits oder ganz quer zu Gemeindekontexten in Dekanaten oder im Kategorialen befördert andere Fragestellungen und Herangehensweisen. Fragen nach dem Sozial- und Lebensraum kommen zwangsläufiger in den Blick; sie fragen danach, wo sich Menschen hier aufhalten, welche Themen, welche Nöte sie beschäftigen. Wonach suchen Menschen und wie können wir denen den Glauben anbieten, die eben nicht in unseren klassischen Gemeinden andocken können oder wollen?

    Diese strukturell begünstigten Perspektivwechsel helfen auch, so manche „Andersorte“ (Hans-Joachim Sander) als Orte von Kirche wahrzunehmen. Aus eigenem Erleben fallen mir in diesem Zusammenhang Schulorientierungstage für Berufsschülerinnen und -schüler ein, die ich halten durfte: Mit diesen in weit überwiegender Zahl kirchlich Distanzierten einen Tag an deren Themen zu arbeiten, war ganz oft für beide Seiten gewinnbringend.

  • Das führt mich zu einer weiteren Erfahrung, nämlich zu Impulsen aus intensiven Grundsatz-Diskussionen um pastorale Ansätze, namentlich um die „Sozialpastoral“. Von meiner Prägung war sie wohl zu weit entfernt, als dass die Sozialpastoral mein Seelsorgeverständnis geworden wäre. Dennoch haben die Impulse und Anfragen in mir gearbeitet, auch meinen Blick geweitet, waren manchmal heilsamer Stachel im Fleisch des Überkommenen.

    Dass es etwa nötig ist, sich nicht auf den Binnenraum der Engagierten zu beschränken, sondern auch „am Rand die Mitte zu suchen“ (Urs Eigenmann); oder dass die Frage wichtig ist, was eine „Option für die Benachteiligten“ im jeweiligen pastoralen Kontext meinen kann. Neben den inhaltlichen Impulsen beeindruckte mich auch, wie wir zugleich theologisch und  leidenschaftlich gerungen haben.

  • Nicht nur im Ringen um die verschiedenen Ansätze, sondern v.a. auch wegen der ganz verschiedenen Einsatzfelder habe ich das Tun der allermeisten Pastoralreferentinnen und -referenten als hoch professionell erlebt. Die Berufsgruppe vereint ja eigentlich eine Fülle von Berufsbildern unter einem „Dach“, und in dem jeweils eigenen Bereich erleb(t)e ich, wie die Kolleginnen und Kollegen qualifiziert und professionell wirken: mit differenziertem Wissenshintergrund und entsprechendem Urteilsvermögen, mit einem Repertoire an Handlungskonzepten, so dass sie Aufgaben situationsbezogen und problemgerecht lösen konnten.

Mein jetziges Rollenbild als Pastor ist näher bei einer erwarteten, manchmal auch gefühlten umfassenden Zuständigkeit. Da sind mir die positiven Erfahrungen der Spezialisierung Impuls und Mahnung, mich eben nicht allzuständig fühlen (und mich entsprechenden Erwartungen auch zu widersetzen); vielmehr will ich – soweit möglich –  Akzente setzen und diese dann wirklich professionell, also gut und nicht irgendwie lieblos oder gehetzt mit den Leuten umsetzen.

Team-Arbeit - Pluralitäts-Fähigkeit - Reich-Gottes-Verträglichkeit

Das geht wohl nur, wenn man auf Teamarbeit setzt – mit Hauptamtlichen und im Bereich des Ehrenamts. Das bedingt, dass man auf Augenhöhe miteinander umgeht - womit ich weder verschiedene Rollen noch manchmal unterschiedliche fachliche Hintergründe in Abrede stellen will. Aber wenn Pastoral nicht als ein Geschehen von oben nach unten zu verstehen ist, sondern eines, wo jeder von jedem lernt, dann hat das Konsequenzen.

Dass zumindest ein Teil der Berufsgruppe der PR in diesem Bereich hochsensibel war und ist (nicht zuletzt durch verschiedene Erfahrungen mit der konkreten Kirche): das ist, so meine und hoffe ich, bei mir bis heute nicht ohne Wirkung geblieben. Hinzu kommen, vielleicht noch wichtiger, viele positive Erfahrungen durch bereichernde Teamarbeit.

Solche positiven Erfahrungen in und mit der Berufsgruppe und vielfach darüber hinaus haben mir geholfen, dass ich meine Pluralitätsfähigkeit stärken konnte. Ich habe als Mensch und als Seelsorger die Erfahrung gemacht, dass das Anderssein von anderen und die vielfachen Optionen in unserer Gesellschaft und Kirche nicht nur relativ angstfrei ertragen werden können (Stenger), sondern bereichernd sind. Das hält meine Neugierde wach auf die Begegnung mit anderen; das lädt mich ein, in der Vielfalt das Wirken des Geistes wahrzunehmen, und es hilft, in der Seelsorge Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit ansprechen zu können. (Das Stichwort der Mäeutik – Hebammen-Kunst, das mir in diesem Zusammenhang  in den Sinn kommt, habe ich seinerzeit erstmalig von Paul Rittgen gehört, unserem damaligen Dozenten im Fach Religionspädagogik.

Ein weiteres Stichwort verbindet sich für mich mit Georg Köhl, der des Öfteren davon gesprochen hat, wir müssten unser kirchliches Handeln einer notwendigen Reich-Gottes-Verträglichkeitsprüfung unterziehen. (Damit griff er eine Formulierung von Urs Eigenmann auf.) Es hilft und ist nötig, hinter die gewohnten Abläufe oder die Taktvorgaben des Kirchenjahres immer wieder zurückzutreten und zu fragen: Dient das, was wir da tun, dem Reich Gottes, also dem, was Jesus zentral am Herzen lag? Welche konkrete Not wendet diese Aktivität, jenes Projekt? Wie kommen durch das, was wir tun, Menschen zu mehr Leben, zu mehr Berührung mit dem Gott des Lebens? Wie können wir in unserer Pastoral redemptive (erlösende) Milieus fördern?

Pastor-Sein ist geprägt vom früheren Leben als Pastoralreferent

So speist sich vieles von dem, was ich heute als Pastor in der Gemeinde in der Pfarrei tue und was ich bin, aus meiner Zeit als Pastoralreferent im Bistum Trier. Es ist geprägt von konkreten Menschen, ihren Impulsen, den Erfahrungen mit ihnen. Es ist geprägt auch von konkreten Strukturen, von Lern-Arrangements über Organisationsformen bis hin zu regionalen Prägungen durch Land und Leute. Manche Diskussionen etwa um die Präsenz von Kirche vor Ort, manches Suchen nach Gottesdienstformen oder Gemeindeleitungs-Modellen… – manches, was ich jetzt im Bistum Essen erlebe, kommt mir aus den Trierer Zeiten schon bekannt vor. Ich will nicht sagen, dass die Lösungen der Fragen einfacher sind, wenn man schon mal vor ähnlichen Themen gestanden hat. Aber manchmal hilft es doch, Perspektiven und Nöte einzuordnen, wenn man auch andere Perspektiven kennengelernt hat.

Und so kann ich aus vielen Gründen sagen, dass ich froh bin, so intensiv die Perspektiven im Bistum Trier kennengelernt zu haben und die Perspektive(n) als Pastoralreferent. Ich wäre sicher nicht der, der ich heute bin, ohne die Impulse und Erfahrungen aus zwölfeinhalb Jahren als Pastoralreferent in Trier.

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