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Religionsunterricht in der Schule: die Lebenswelt der Kinder deuten helfen...

Vom Glück des Montagmorgens

Montagmorgen, sieben Uhr – ich betrete das Lehrerzimmer „meiner Schule“.  Kollegin A. hat bereits die Kaffeemaschine angeworfen und gemeinsam räumen wir die Spülmaschine ein. Lehrer/innen predigen und verordnen den Kindern in ihren Klassenräumen Ordnung – das Lehrerzimmer und die Küche verlassen sie manchmal wie einen „Schweinestall“.

Schon geraten wir ins Plaudern: was war am Wochenende? Ich erfahre die neusten Nachrichten, was sich in der Schule ereignet hat; ich unterrichte an dieser Schule ja nur noch ein paar Stunden pro Woche.

Inzwischen ist mein alter Hauptschulrektor aus seinem Büro getreten, bedankt sich für den Kaffee; wir kommen ins Gespräch, ehe ihn das Läuten des Telefons zurück in sein Büro ruft. Die kränkelnden Kolleginnen und Kollegen rufen an und es geht ans Vertretungsplan-Machen.

B. stößt zu uns. Sie ist seit vier Uhr früh auf den Beinen, nach einer gescheiterten Ehe hat sie sich neu verliebt und war am Wochenende im Ruhrgebiet. Sie erzählt von ihrem Zerrissensein zwischen Arbeitsort und Wohnort, von aus-dem-Hause-gehen ihrer Kinder und von dem keine-rechte-Ahnung-haben, wie es weitergehen kann. Tränen kullern, ich nehme sie kurz in den Arm (ist das arbeitsundgleichstellungsgesetz-AGG-gemäß?); ich finde erstaunlicherweise ein Papiertaschentuch in meiner Hosentasche, obwohl ich so etwas normalerweise nicht benutze...

H. kommt lautend grölend ins Lehrerzimmer; sein Lieblingsverein hat in der Bundesliga gewonnen, und wir diskutieren noch schnell die Fußballergebnisse und sonstige Sportevents des Wochenendes.
A. lamentiert, wie jeden Montag, über die Bösartigkeit der Schüler und dass sie gleich in Klasse XYZ muss und dass sie dies als Zumutung empfindet. So desinteressierte Menschen seien ihr noch nicht untergekommen. Das sei „Perlen vor die Säue werfen“… Ich frage mich, wer die Sau ist (und bitte gleich wieder innerlich um mehr Demut - aber mein Herz schlägt für die SchülerInnen). Ich merke, wie mir die Galle hochkommt; ich versuche, die Schülerinnen zu verteidigen, und weise darauf hin, dass sie das Recht auf eine Lehrerin haben, die zumindest montags noch unvoreingenommen auf sie zugeht und ordentlichen Unterricht macht.

Plötzlich fällt mir ein, dass ich vor lauter Palavern vergessen habe, meine Kopien zu machen. Schnell stürze ich in den Kopierraum. Pech, alles besetzt. Nächsten Montag früher dran denken!

Montagmorgen: in der Klasse...

Dann geht’s raus ins Treppenhaus, zur Witterungsaufnahme mit den SchülerInnen. J. tritt mir freudestrahlend über seine Pausbacken entgegen. Er berichtet mir von Cartfahrten auf der Bahn, von seinem neuen Laserschwert (ich runzle die Stirn), von seinem Bruder.

Weiter geht’s. „Nicht stupsen!“ „Bitte das Papier aufheben!“ – „Ich hab’s nicht dahin geworfen“ – „Weiß ich – trotzdem aufheben!“ „Warum denn? – hier gibt’s doch Putzfrauen.“ (Ich schüttle den Kopf; seine Mutter ist bei uns in der Schule Reinigungskraft – muss ich da wirklich noch etwas sagen?). Bis ich fertig überlegt habe, was ich antworten könnte, habe ich die Klasse aufgeschlossen und 20 Jungen und Mädchen schießen an mir vorbei und stürmen ihre Plätze, Ranzen fliegen.

„Herr Eich, Herr Eich, sagen sie der K. doch mal, dass …“  „Nein, seit letzter Woche sitze ich aber hier.“ „Piano Kinder, erst einmal Bänke an die Wand. Jede/r nimmt sich einen Stuhl.“ „Was war am Wochenende los? – Was möchtet ihr noch erzählen, damit wir danach dann gleich gut arbeiten können?“

„Bei mir war nichts los.“ Mit ein wenig Ermutigung erzählt T. doch, dass sie am Wochenende bei ihrem Vater war, aber lieber in Koblenz geblieben wäre, um mit ihrer Freundin etwas zu unternehmen... - „Meine Eltern trennen sich jetzt auch, aber so ging es auch nicht weiter.“ Plötzlich sind Themen wie Verlassen und Verlassenwerden im Raum und „wem kann ich noch trauen?“... - „Wir haben 3 : 2 verloren und der Schiedsrichter war voll ungerecht. War ja auch ein Vater von der gegnerischen Mannschaft.“ Die Jungs sind beim Thema Fairness und Gerechtigkeit angekommen.

„Ich habe nichts zu erzählen…“ Ein Schüler sitzt da, bei dem helfen alle Ermutigung und alles Nachfragen der Klassenkameraden/innen nichts. Hättest du doch ein wenig mehr Selbstvertrauen, denke ich und frage mich, wie ich das fördern kann.

Die Themen liegen also nicht auf der Straße, aber sie ereignen sich am Wochenende; und ich denke mir, wie gut, dass es den Synodenbeschluss (der bundesdeutschen Synode - 1973 ff) zum Reli-Unterricht gibt, der von „Korrelation“ spricht,  von Erfahrungsbezug; der es uns möglich macht, für die Lebenswelt der Kinder Deutekategorien anzubieten, die sich im Schatz unserer Tradition finden lassen.

Viele Rollen - schon gleich am Montag früh

Dann geht es flugs zum nächsten Termin. Was war das eigentlich heute morgen? Ich war Gesprächspartner, Kummerkasten, gehetzter Lehrer, Anwalt der SchülerInnen, Organisator, Anwalt für eine saubere Umwelt, Struktur und Ordnungsgeber, Themenfinder und Lebensdeuter.

„Mann o Mann, ganz schön viel an einem solchen Montagmorgen!“ -
und frei nach Hermann Hesse: „Jedem Montag wohnt ein Zauber inne!

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