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Reinkarnation und christlicher Glaube

Wiedergeburt oder Auferstehung?

Die Vorstellung, dass mit dem Tod nicht „alles aus ist“, sondern dass die Seele in einem neuen Körper wiedergeboren wird und viele weitere, neue Leben durchläuft, erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Berichte, in denen Menschen ihre Erlebnisse und Erfahrungen aus angeblichen früheren Leben schildern, stoßen nicht nur in den Medien auf großes Interesse.

Das „Rad der Wiedergeburten“
Reinkarnation oder Wiedergeburt bezeichnet die Vorstellung, dass sich die Seele (oder ein persönlicher Wesenskern) im Tod vom Körper löst und wieder neu geboren wird: In einem neuen Leib als Mensch, als Tier oder – seltener – als Pflanze. Wörtlich übersetzt bedeutet Reinkarnation „wieder ins Fleisch kommen“. 
Die Vorstellung von der Reinkarnation ist mit dem Karma-Gedanken verbunden.  Wörtlich übersetzt bedeutet „Karma“ so viel wie „Tat“.  Karma könnte man als das „Gesetz oder Prinzip von der Vergeltung der Taten“ beschreiben: Gute Taten führen zu einer Wiedergeburt in einem besseren Leben, schlechte Taten zu einer Wiedergeburt in einem schlechteren Leben. Karma wirkt sich nicht nur in zukünftigen Existenzen aus: Auch das jeweils aktuelle Leben ist davon bestimmt. Wem es schlecht geht hat demnach in vergangenen Leben „schlechtes Karma“ angesammelt und umgekehrt.
Die Lehre von der Reinkarnation hat ihre weiteste Verbreitung in den östlichen Religionen, im Hinduismus und Buddhismus. Dort wird der ewige Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt – das „Rad der Wiedergeburten“ (Samsara) -  als Verhängnis betrachtet, dem man möglichst schnell entkommen will.

Religiöses Fortschrittsdenken
In Europa hat Reinkarnationslehre erst seit dem Aufkommen der modernen Esoterik im 19. und 20. Jahrhundert an Attraktivität und Popularität gewonnen. Sie wurde sogar fester Bestandteil einzelner europäischer Weltanschauungen, beispielsweise der von Rudolf Steiner begründeten  Anthroposophie.
Die verschiedenen europäischen Ausformungen der Reinkarnationslehre unterscheiden sich in vieler Hinsicht deutlich von den pessimistischen Reinkarnationsvorstellungen des Hinduismus und Buddhismus. Hierzulande hat die Vorstellung von der Reinkarnation in der Regel den Charakter einer Heilslehre: Demnach lassen sich die vielen Möglichkeiten, die sich in einem einzigen Leben nicht verwirklichen lassen, in künftigen Leben  entfalten. Reinkarnation wird so zum Ausgangspunkt eines religiösen Fortschrittsdenkens, bei dem sich der Mensch durch viele Existenzen hindurch immer weiter zur Vollkommenheit hin entwickelt.
Auch das im Westen  weit verbreitete Leistungs- und Erfolgsdenken passt gut zum Karmagedanken: Wem es gut geht, hat das seiner eigenen Leistung zu verdanken, dem angesammelten „guten Karma“ – und umgekehrt. Der Mensch ist demnach allein für sein Schicksal verantwortlich, das er ausschließlich selbst verursacht hat. Überhaupt wird häufig der Versuch unternommen, mit dem Verweis auf frühere Leben und die darin aufgehäufte Schuld das menschliche Schicksal und die Frage nach den Ursachen und dem Sinn von Krankheit und Leid zu erklären. Ob diese Deutung Menschen, die von Krankheit und Leid betroffen sind, tatsächlich hilft, muss in Zweifel gezogen werden. Vielmehr kann diese Deutung die Betroffenen noch mehr belasten, weil sie ihnen zu den Belastungen durch Leid und Krankheit zusätzlich die alleinige persönliche Schuld an ihrer Situation zuweist. Das hat dieser Deutung den Vorwurf eingetragen, sie sei zwar rational, aber auch kalt, weil sie sich letztlich gleichgültig mit Leid und Krankheit abfinde.

Reinkarnationstherapie
Die Reinkarnationslehre wird hierzulande häufig fälschlicherweise als wissenschaftliche, nicht als religiöse Vorstellung angesehen. In der Esoterikszene bildet diese Überzeugung den Ausgangspunkt der sog. „Reinkarnationstherapie“. Die Ursachen für psychische und physische Störungen und Erkrankungen liegen demnach in den Erfahrungen, die die Betroffenen in vergangenen Leben gemacht haben sollen. Dieses „schlechte Karma“, das die Betroffenen in angeblichen vorherigen Leben durch böse Taten angesammelt haben sollen, wird als Ursache für Krankheit und Leiden in späteren Leben betrachtet. Durch sog. „Rückführungen“ zu diesen Erlebnissen, bei denen den Betroffenen die Ursache ihrer Erkrankungen klar werden soll, lösen sich diese Beschwerden demnach auf.
Viele Experten betrachten diese sog. „Therapie“ jedoch als völlig ungeeignet zur Behandlung von Erkrankungen. Sie warnen vor den Risiken dieser esoterischen Angebote und weisen vor allem auf die häufig mangelhafte fachliche Qualifikation der Anbieter hin, bei denen es sich in der Regel nicht um ausgebildete Psychotherapeuten handelt.

Reinkarnation - eine außerchristliche Vorstellung
Das Christentum kennt keine Reinkarnation, sondern den Glauben an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Der christliche Glaube an die Auferstehung der Toten und die Vorstellung von wiederholten Leben, von Karma und Reinkarnation lassen sich miteinander nicht in Einklang bringen, sie schließen sich vielmehr gegenseitig aus:
Die christliche Botschaft kennt kein Karma, das der Mensch durch eigene Anstrengungen überwinden und auflösen muss. Der Mensch kann sich nach christlicher Vorstellung von seiner Schuld nicht durch gute Taten selbst erlösen – er braucht es auch nicht selbst zu tun. Der Mensch kann sich nach christlicher Vorstellung auch nicht durch eigene Anstrengungen zur Vollkommenheit entwickeln. Christen können vielmehr darauf vertrauen, dass Gott sie mit all ihren Unvollkommenheiten annimmt und erlöst.
Leid und Krankheit bleiben nach christlicher Vorstellung letztlich ein Geheimnis und lassen sich durch den Verweis auf menschliche Schuld nicht vollständig erklären. Die Erfahrung von Leid bleibt für Christen immer mit der Herausforderung verbunden, sich tröstend und helfend an die Seite der Leidenden zu stellen.
Nach christlicher Vorstellung ist der Mensch einmalig und  nur als Einheit aus Leib und Seele denkbar. Nur in dieser einzigartigen Einheit des konkreten Leibes und der Seele ist der Mensch ganz Mensch. Darauf gründet sich auch die Überzeugung, dass jeder Mensch mit Leib und Seele zum ewigen Leben auferweckt wird. Auch das schließt die Vorstellung aus, dass ein menschlicher Wesenskern immer wieder in einen neuen Leib wiedergeboren würde.
Die Bibel nimmt zum Thema Reinkarnation zwar nicht direkt Stellung. Das darf aber nicht als Zustimmung zur Reinkarnationslehre gedeutet werden. Manche Befürworter der Lehre von der Reinkarnation behaupten, biblische Zeugnisse, die angeblich die Vorstellung einer Reinkarnation enthalten hätten, seien vor langer Zeit aus der Bibel entfernt worden. Dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. Vielmehr wurde die Lehre von der Reinkarnation im Christentum immer schon als außerchristliche Überzeugung verstanden.

Matthias Neff
Stand: März 2010

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