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Die Zeugen Jehovas

Jehovas Zeugen sind die wohl bekannteste religiöse Sondergemeinschaft in Deutschland. Wegen strenger Schulungen, gegenseitiger Kontrollen und der Erwartung des baldigen Weitendes gelten sie als die „Sekte" schlechthin. 2016 sollen nacheigenen Angaben 8,3 Millionen sog. „Verkündiger" aus weltweit über 119 000 Ortsgemeinden missionarisch aktiv gewesen sein. Zu „regelmäßig im Predigtwerk aktiven" Zeugen Jehovas wurden 2016 in Deutschland 165 624 Personen gezählt, in Österreich 21 561 und in der Schweiz 19 327 (Jahrbuch der Zeugen Jehovas, Selters 2017). Ein nennenswertes Wachstum verzeichnet die Organisation in Osteuropa und in Lateinamerika.
Die Gemeinschaft ist streng hierarchisch strukturiert und versteht sich selbst als die einzig legitime „christliche, theokratische Organisation". An der Spitze steht eine sog. „leitende Körperschaft", die seit 2014 aus sieben Männern besteht. Das Führungsgremium hat seinen Sitz in der neuerbauten Zentrale  in Warwick (USA) und versteht sich als „Offenbarungs- und Verbindungskanal Jehovas". Den Anweisungen und Bibelinterpretationen der leitenden Körperschaft ist genau zu folgen.
Die Mitglieder und Sympathisanten nennen sich „Jehovas Zeugen" (vgl. Jes 43,10) und sind zumeist menschlich glaubwürdig und engagiert. Sie werden jedoch in der Organisation so einseitig geschult, dass mitunter die Grenzen zwischen Schulung und Manipulation verschwimmen.

Geschichte

Am Anfang der Bewegung stand Charles Taze Russell (1852-1916). Russell hatte als junger Mensch unterschiedliche Kirchen kennengelernt und verschiedenes Glaubensgut in sich aufgenommen, so auch die für die späteren Zeugen Jehovas wichtige Überzeugung von der Berechenbarkeit und Datierbarkeit des Weltendes. Zunächst erwarteten Russell und seine Freunde für 1872/73 das Ende der Welt und die sichtbare Wiederkunft Christi. Als dieser Zeitpunkt verstrichen war, hoffte man auf das Jahr 1874. Nachdem sich die Wiederkunft Christi auch dann nicht ereignet hatte, gründete Russell einen eigenen Bibelstudienkreis. Ab 1879 gab er eine Zeitschrift heraus, die später in „Wachtturm" umbenannt wurde. Es entstanden Lesezirkel, die den Namen „Ernste Bibelforscher" erhielten. Russell wollte überkonfessionell wirken und keine neue Denomination oder gar „Sekte" gründen. Er steckte sein nicht geringes Vermögen in das von ihm gegründete Verlags- und Missionswerk, den Vorläufer der heutigen „Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania", die Wachtturm-Gesellschaft (WTG). Ein Schwerpunkt der Botschaft der neuen Bewegung war die Verheißung, dass mit dem Jahre 1914 das Königreich Gottes auf der Erde in Gestalt eines großen Friedensreiches beginnen werde. Als auch diese Prophezeiung nicht eintrat, wandten sich Tausende enttäuscht ab. Russell starb 1916.
1917 wurde Joseph Franklin Rutherford (1869-1942) Russells Nachfolger. Er machte die Bewegung zu dem, was wir heute unter den Zeugen Jehovas verstehen: Er zwängte die nur lose miteinander verbundenen Versammlungen in eine straff geführte Organisation. Rutherford beseitigte die demokratischen Strukturen: Die frei gewählten Ältesten wurden durch eingesetzte Versammlungsleiter ersetzt (sog.  „Dienstkomitees"). Es entstand ein Netz gegenseitiger Kontrolle. Aus engagierten Laien und interessierten Bibellesern („Bibelforschern") wurden geschulte Wachtturm-Verkäufer. Rutherford perfektionierte die bekannten Besuche von Haus zu Haus. Auf ihn gehen auch die monatlichen Predigtdienstberichte, die jährlichen Kongresse sowie die Einführung der Königreichssäle (Versammlungsräume) zurück.
Nach Rutherfords Tod 1942 wurde Nathan Homer Knorr (1905-1977) Präsident der WTC Er ist der große Organisator, unter dessen Leitung die Gesellschaft ein rapides Wachstum erlangt. Allein in den Jahren 1939 bis 1948 verfünffacht sich die Zahl der „Verkündiger" auf 230 532. Im Jahr 1972 installierte Knorr das sog. "Ältestenamt". Die Ältesten sind Funktionäre, die sich durch besonderes Engagement qualifiziert haben. Der Präsident verlangt von ihnen strenge Disziplin. 1977 wurde Frederic William Franz (1893-1992) im Alter von 84 Jahren Knorrs Nachfolger. Von 1992 bis 2000 war Milton G. Henschel Präsident, seit 2000 hat dieses Amt Don A. Adams inne, ihm folgte 2014 Robert Ciranko. Im Unterschied zu ihren Vorgängern sind Adams und Ciranko keine Mitglieder der leitenden Körperschaft mehr, sie übernehmen also reine Verwaltungsfunktionen und sind der leitenden Körperschaft untergeordnet.

Zur Lehre

Grundlage ist die Heilige Schrift in der von der WTG genehmigten Auslegung. 1950 legte die WTG erstmals eine eigene, englischsprachige Übertragung der biblischen Texte vor, die „Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift" (NWÜ - NT 1950, AT 1960, Revision 2013). Die mittlerweile über 73 kompletten Übersetzungen der NWÜ in andere Sprachen, auch in die deutsche, gehen dabei nicht von den zur Verfügung  stehenden Urschriften aus, sondern verwenden als Grundlage stets die englische Übertragung der WTG. Eine der gravierenden Verfälschungen in dieser Übertragung besteht darin, dass an 237 Stellen der (angebliche) Gottesname „Jehova" in den Text des Neuen Testaments aufgenommen wurde, obwohl dieses Wort im Urtext gar nicht vorkommt. Im griechischen Urtext des Neuen Testaments kommt der Begriff „kyrios" (=Herr) 718-mal vor. Warum dieser Begriff jedoch in der NWÜ nur 237-mal mit Jehova übersetzt und warum in den anderen Fällen „Herr" eingesetzt wurde, bleibt offen. Die Bibel wird als wörtlich inspiriert angesehen. Jede Bibelstelle gilt einer anderen gleichwertig. Häufig argumentieren Zeugen Jehovas mit biblischen Aussagen in einem völlig anderen Kontext als dem der Heiligen Schrift. Aus dem ersten Schöpfungsbericht wird ein Langzeit-Kreationismus abgeleitet. Die Zeugen Jehovas gehen darüber hinaus davon aus, dass Gott seinen heilsgeschichtlichen Zeitplan in der Bibel verborgen niedergeschrieben hat. Daraus folgern sie die Notwendigkeit, die Bibel und ihre Zahlenangaben „richtig" zu deuten.
Zeugen Jehovas kennen keine Ökumene. Das bedeutet, sie halten sich für die einzig richtigen Christen. Andere Kirchen oder Weltreligionen werden radikal abgelehnt und als Formen „falscher Religion" abgetan. Bei den Zeugen heißt Glauben in erster Linie „fortschreitende Erkenntnis" aufnehmen und verbreiten, also über ein abfragbares Bibelwissen verfügen.
Bluttransfusionen, selbst wenn sie lebensrettend und medizinisch dringend geboten sind, werden unter Hinweis auf Apostelgeschichte 15,29 und alttestamentliche Stellen abgelehnt. Dem ist entgegenzuhalten, dass an den angegebenen Stellen gar keine Bluttransfusionen gemeint sind, und dem widerspricht auch Matthäus 12,7: „Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer."

Alltag der Mitglieder und Organisationsform

Das Leben eines Zeugen Jehovas ist durch Vorgaben der leitenden Körperschaft streng geregelt, auch wenn nicht jedes Verbot ausdrücklich in den Publikationen genannt ist: Jehovas Zeugen wissen sehr genau, was erlaubt ist und was Jehova (bzw. die leitende Körperschaft) nicht wünscht. So ist persönlicher Umgang mit Menschen, die keine Zeugen Jehovas sind, in der Regel zu vermeiden. Die Lektüre kritischer Bücher und erst recht die Lektüre von Aussteigerliteratur gilt als verwerflich. Die Mitgliedschaft in Sportvereinen usw. war lange Zeit verpönt.
Viele Feste (Weihnachten, Geburtstage, Fasching) werden als „heidnisch" abgelehnt. Parteien, Gewerkschaften u. Ä. werden kritisch gesehen. Viele Jahrzehnte haben Jehovas Zeugen nicht an Wahlen teilgenommen. In jüngster Zeit zeigt man in dieser Frage zwar nach außen Kompromissbereitschaft, es ist jedoch davon auszugehen, dass die kritische Haltung gegenüber dem Staat intern beibehalten wird.
Ehe und Familie werden in einer traditionell-patriarchalischen Form hoch geschätzt. Vorehelicher Geschlechtsverkehr, das Zusammenleben ohne Trauschein und Homosexualität können zum Gemeinschaftsentzug führen. Von Eheschließungen mit Personen, die keine Zeugen sind, wird abgeraten.
Die Zeugen Jehovas sind missionarisch sehr aktiv. Es gibt praktisch keinen Ort in Deutschland, an dem nicht missioniert wird. Zu besonderen Anlässen werden sog. „Sonderfeldzüge" ausgerufen. Dreimal jährlich finden Kongresse statt. Den Höhepunkt bildet der Bezirkskongress mit Teilnehmerzahlen im fünfstelligen Bereich, der als großes Gemeinschaftserlebnis begangen wird.
Die Zentrale für Deutschland befindet sich in Selters/Taunus. Hier werden von über tausend Mitarbeitern pro Jahr mehr als 12 Millionen Bücher und über 100 Millionen Exemplare an Zeitschriften hergestellt. Ein Großteil dieser Produktion geht ins Ausland. Ein Beispiel für die beeindruckende Publizistik: Die September-Ausgabe 201 7 des Wachtturms wurde in 303 Sprachen übersetzt und in 61 Millionen Exemplaren gedruckt. Damit ist „Der Wachtturm" die auflagenstärkste religiöse Zeitschrift der Welt.
Nach langjährigen Rechtsstreitigkeiten ist die Religionsgemeinschaft heute in allen Bundesländern als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt.

Einschätzung

Jehovas Zeugen beeindrucken durch ihr persönliches Engagement, ihre Rastlosigkeit und ihr oftmals glaubwürdiges Auftreten. Aber dies ist nur die eine Seite. Hinter ihrer Fassade erweist sich diese Gemeinschaft sehr schnell als restriktive Organisation, die von den Anhängern blinden Gehorsam erwartet und für kritische Rückfragen, Einwände oder Bedenken keinen Raum hat. Ein durchschnittlicher aktiver Zeuge Jehovas investiert pro Monat etwa 1 7 Stunden seiner Freizeit in die Missionstätigkeit. Hinzu kommen noch mehrere Stunden pro Woche für Schulungen, Gottesdienste und freiwillige Arbeiten am örtlichen Gemeindehaus. Wenn man sich vor Augen hält, dass jede Zeugin und jeder Zeuge Jehovas am Ende jeden Monats im „Predigtdienstbericht" akribisch dokumentieren muss, wie viele Stunden im Predigtdienst, bei der Literaturverbreitung, beim Bibelstundenbesuch, bei der Wachtturm-Lektüre oder bei Besuchsdiensten verbracht wurden, kann man sich den inneren Druck ausmalen, unter dem jedes Mitglied steht. Die Wachtturmgesellschaft schuf ein geschlossenes ideologisches System, das jedem Einzelnen seinen Platz zuordnet. Mehr noch: Ein Überleben des Weltendes wird einzig den eigenen Anhängern versprochen, die sich durch fortwährende Beteiligung an den Werbeaktivitäten für der Religionsgemeinschaft zu bewähren haben.
Dass die Organisation damit dem Gericht Gottes vorgreift, erscheint besonders kritikwürdig. Für viele Menschen, die sich nach Orientierung, Sicherheit und Geborgenheit sehnen, liegt aber gerade darin die Faszination von Jehovas Zeugen.

Ratschläge

Häufig sind Christen ratlos, wenn Jehovas Zeugen unvermittelt an der Wohnungstür stehen. Folgende Hinweise sind hilfreich:

  • Streitgespräche mit Jehovas Zeugen sind wenig sinnvoll. Meist sind Laien der geschulten Gesprächsführung der Zeugen nicht gewachsen.
  • Sagen Sie deutlich, dass Sie keine weiteren Besuche möchten, andernfalls werden die Zeugen immer wieder sogenannte „Rückbesuche" bei Ihnen versuchen.
  • Machen Sie Ihren Besuchern klar, dass Sie sich bei Ihrer Kirchengemeinde (hoffentlich!) gut aufgehoben fühlen und keinen Bedarf sehen, sich einer anderen Gemeinschaft anzuschließen.

Dr. Michael Utsch, im Juli 2017

Wir danken Herrn Dr. Utsch und der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) für die Erlaubnis, diesen Text hier zu veröffentlichen.
Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen - Auguststraße 80 - 10117 Berlin - Telefon 030/28395-211 - Fax 030/28395-212
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