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Wir brauchen Legale Zugangswege

Bischof Dr. Ackermann zur Flüchtlingssituation im Interview mit der Katholischen Nachrichten Agentur (KNA)

Bischof Dr. Stephan Ackermann, Vorsitzende der Deutschen Kommission Justitia et Pax, kritisiert die aktuelle Lage der legalen Zuwanderungsmöglichkeiten nach Europa und das EU-Türkei-Abkommen. Er fordert legale zugangswege nach Europa.

Das Interview im Wortlaut finden Sie hier: Interview Bischof Dr. Ackermann mit KNA


"Die Menschen ... müssen unbedingt vor dem Herbst aus den Zelten raus. ... Die Einrichtungen brauchen auch auf jeden Fall mehr Personal. Die Zusammenarbeit mit allen Ebenen – Bund, Ländern, Kommunen, Wohlfahrtsverbänden, kirchlichen Organisationen und freiwilligen Helfern – muss noch enger werden. Wir brauchen unkonventionelle Lösungen, die nicht an Verwaltungsvorschriften scheitern. Die Hilfsbereitschaft der Bürger ist sehr groß, und um diese auch zu nutzen, müssen alle Hemmnisse aus dem Weg geräumt werden. "

Bischof Stephan Ackermann im Interview mit dem Trierischen Volksfreund - am 5. September 2015

Warum engagiert sich das Bistum zur Unterstützung von Flüchtlingen

Statement Bischof Dr. Stephan Ackermann

Experten haben das vergangene Jahrhundert mit 80 Millionen Flüchtlingen das „Jahrhundert der Flucht“ genannt, doch jetzt haben wir schon zu Beginn des 21. Jahrhunderts 45 Millionen Flüchtlinge. Wenn sich diese Tendenz fortsetzt, und das ist zu befürchten, dann wird das 21. Jahrhundert noch mehr als das vorangegangene ein Jahrhundert der Flucht. Wir können also dieser Frage nicht ausweichen. Das Thema wird die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft sowie die Entwicklung Europas grundlegend prägen.

Die Position der Kirche in dieser Frage ist eindeutig: „Migranten und Flüchtlinge sind keine Figuren auf dem Schachbrett der Menschheit. … Es geht darum, dass wir im Migranten und im Flüchtling nicht nur ein Problem sehen, das bewältigt werden muss, sondern einen Bruder und eine Schwester, die aufgenommen, geachtet und geliebt werden müssen.“ So Papst Franziskus in seiner Botschaft zum diesjährigen Welttag des Migranten und Flüchtlings. Für den Papst ist diese Position auch ein Beitrag „zum Aufbau einer gerechteren Gesellschaft, eines solidarischeren Landes, einer brüderlicheren Welt und einer offeneren christlichen Gemeinschaft“.

Die Bibel ist voll von Geschichten über Flucht und Vertreibung: Die Brüder Josefs ziehen nach Ägypten, um nicht zu verhungern (Gen 42,2), Moses flieht vor dem Pharao nach Midian (Ex 2,15), Jesus flieht mit seinen Eltern vor der Verfolgung durch Herodes (Mt 2,13-23). Schon das Alte Testament sagt sehr klar, dass Gott die Fremden liebt und für sie sorgt, und auch Israel soll die Fremden lieben, denn es hat selbst die Erfahrung des Fremdseins in Ägypten gemacht (Dtn 10,18-19). Diese Erfahrung sollen die Israeliten nicht vergessen und die, die zu ihm kommen, entsprechend behandeln. Schließlich ist es Jesus selbst, der sich in der großen Rede vom Weltgericht radikal mit den Flüchtlingen identifiziert, indem er sagt: „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen“ – oder eben auch nicht (Mt 25,31-46).

Jeder Flüchtling ist ein Mensch mit unantastbarer Menschenwürde. Als Christen begründen wir diese Personwürde damit, dass Gott diesen Menschen nach seinem Bild geschaffen hat. In der katholischen Soziallehre stellt die Personalität des Menschen gewissermaßen das Grundprinzip dar. Die weiteren Prinzipien der Soziallehre - Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl - entfalten dieses Grundverständnis. Sie beschreiben sehr deutlich auch die Verpflichtung der Christen und der Kirche im Blick auf die Flüchtlinge:

Solidarität ist gefragt: Nicht der Eigennutz führt zu einem guten Ende, sondern das solidarische Handeln, d. h. konkret: das gerechte Teilen der Güter, die wir hier in Deutschland vergleichsweise im Überfluss haben.  Stichwort Subsidiarität: Als Kirche machen wir in Fragen von Gerechtigkeit, Frieden und Entwicklung ja immer wieder auch kritische Begleitung von Politik. Ich denke dabei etwa an meine Aufgabe als Vorsitzender unserer deutschen Kommission Justitia et Pax. Wenn da durchaus mahnende Worte an die Politik gerichtet werden, so kann das nicht heißen, eigene Verantwortung vorschnell oder bequem abzuschieben. Subsidiarität heißt zu schauen, was können wir kirchlicherseits tun, wo können wir helfen, wo sind wir gefragt als Institution, aber auch als Verbände, Einrichtungen, Gemeinden. Die Initiative, die wir heute vorstellen, erhält für mich auch hier heraus ihren wesentlichen Anstoß. Und wenn ich schließlich das Stichwort Gemeinwohl nenne, dann ist damit in letzter Konsequenz das globale Gemeinwohl gemeint: Wir leben in einer globalisierten Welt. Wir können uns den Nöten anderer Völker nicht verschließen. Im Zuge der Globalisierung erleben wir die umfassendste Bewegung von Menschen und Völkern, die es je gegeben hat. Wenn wir auf diese Bewegung mit einer Globalisierung der Gleichgültigkeit reagieren, wird der Strudel vieler regionaler Katastrophen immer weitere Kreise ziehen. Wenn unsere globalisierte Wirtschaft das Gemeinwohlprinzip ignoriert, wenn der eigene Reichtum mit der Verelendung großer Bevölkerungsgruppen oder ganzer Volkswirtschaften einhergeht, dann erhöht das den Wanderungsdruck und öffnet den Raum für Extremismus und Gewalt.

Eine Konsequenz der Flüchtlingsströme ist schon jetzt offenkundig: Wir bleiben nicht, was wir sind. Unser Zusammenleben in Deutschland, in Europa, wird sich verändern. Viele Fragen werden noch zu beantworten sein: Können, sollen wir unsere Grenzen öffnen für alle, die gerne zu uns kommen wollen? Wie kann die Verteilung der Lasten durch die Flüchtlingsströme in Europa gerechter geregelt werden? Brauchen wir bessere Regeln für die Zuwanderung und wie finden wir sie? Können wir unsere sozialen Standards halten? Wie bewahren wir unsere eigene Identität und Kultur, ohne ausgrenzend zu sein? Auf diese schwierigen Fragen eine Regelung zu finden, ist Aufgabe der Politik. Wir werden unsere Sicht und unsere Argumente in die öffentliche Diskussion einbringen. Wir werden das Gespräch suchen – diese Fragen stehen aber nicht im Mittelpunkt unserer aktuellen Initiative. In ihr geht es ganz konkret darum, dass wir mit unseren Möglichkeiten vor Ort eine Kultur des Willkommens schaffen wollen, um eine Atmosphäre der Gleichgültigkeit und der Ablehnung zu verhindern.

Als wir vor einigen Wochen zu einer bistumsinternen Flüchtlingskonferenz eingeladen haben, sind wir auf ein erstaunliches und erfreulich großes Echo gestoßen. Wir konnten feststellen: Wir fangen nicht bei Null an: In vielen Pfarreien, Caritasgruppierungen und Verbänden gibt es bereits Initiativen. Wenn wir uns untereinander vernetzen, dann können wir von den unterschiedlichen Ideen profitieren und unsere Mittel wirksamer für die Betroffenen einsetzen. Das geht von der professionellen Begleitung der Caritas-Migrationsfachstellen über Patenschaften für einzelne Familien, ein Willkommenscafé, Bewusstseinsbildung in den Dekanaten, ehrenamtliche Dolmetscherdienste, Sprachkurse, gemeinsame Koch- und Musikveranstaltungen bis hin zur Integration ins örtliche Vereinsleben, die Begleitung bei Behördengängen und Spendenaktionen. Allen, die so zu einer guten Kultur des Willkommens beitragen, möchte ich ein herzliches Dankeschön aussprechen.  Ich hoffe, dass die kreativen Beispiele und Modelle, die es schon gibt, viele Menschen dazu anregen, ebenfalls Kontakt mit den Fremden unter uns aufzunehmen und dazu beizutragen, dass eine Kultur des Willkommens sich mehr und mehr etabliert.

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