Trierer Bischof predigt über das Bittgebet :Bischofskonferenz-Vollversammlung: Predigt von Bischof Ackermann

Würzburg/Trier – Im Gedächtnisgottesdienst für die verstorbenen Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz zur Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 26. Februar 2026 in Würzburg hat Bischof Stephan Ackermann die Predigt (Lesung: Est 1.4,17k.l–m.r–t; Evangelium: Mt 7,7–12) gehalten. Wir dokumentieren sie im Wortlaut:
„Jesu eindringliche Aufforderung zum Gebet lässt mich denken an eine Konferenz, die vor zwei Wochen in Salzburg stattgefunden hat: Liturgieverantwortliche und -experten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum kamen zusammen zur Beratung über eine Neuausgabe des Messbuchs. Wie Sie vielleicht wissen, ist das Deutsche Messbuch, so wie wir es kennen, nach der Liturgiereform im Jahr 1975 erschienen. Seitdem sind eine ganze Reihe neuer Gebete und Gedenktage hinzugekommen, sodass es schon länger an der Zeit ist, eine größere Neuauflage dieses Buches zu besorgen. Der Bezugspunkt für alle Messbücher weltweit ist die römische Ausgabe, die in lateinischer Sprache erscheint und dann in die jeweiligen Landessprachen übersetzt wird. Darüber hinaus haben die Bischofskonferenzen die Möglichkeit, zusätzliche Gebete, die das Messbuch anreichern, aufzunehmen.
Was auf den ersten Blick als relativ einfach erscheint, stellt sich beim näheren Hinsehen als anspruchsvoller Prozess heraus: Wie sind die lateinischen Gebete so ins Deutsche zu übertragen, dass sie für diejenigen, die sie hören, gut mitzuvollziehen sind? Wie wird bei der Übersetzung das Gemeinte treu wiedergegeben in einer Sprache, die verständlich sein soll, ohne dass man dafür Theologie studiert haben muss? Und wie ist das bei neuen Gebeten? Sie sollen die Sprache unserer Zeit sprechen, ohne dabei flach zu klingen und derart zeitgebunden zu sein, dass man sich schon nach wenigen Jahren an ihnen müde gehört hat. Wie findet man überhaupt eine Gebetssprache, die bildreich und einladend ist, ohne dabei – wie es der Theologe Fulbert Steffensky einmal ausgedrückt hat – „gelockt und parfümiert“ (Schöne Aussichten. Einlassungen auf biblische Texte, Stuttgart 2006, 151) zu klingen? Wie vermeidet man beim Beten Geschwätzigkeit? Wir alle kennen Gebete, von denen man den Eindruck hat, dass sie gar nicht mehr enden wollen, und bei denen man sich wünscht, sie kämen endlich auf den Punkt. Und schließlich sollen Gebete echte Gebete an Gott sein und nicht versteckte Moralpredigten an die Mitfeiernden.
Die Gebetssprache der Liturgie erweist ihren Sinn und ihre Größe da, wo sie mir in meinem Beten aushilft, weil mir selbst die richtigen Worte fehlen, und ich dankbar bin, dass ich mich in die Sprache der Liturgie hineinbegeben kann wie in ein vertrautes, bergendes Haus. Die Gebetssprache des Gottesdienstes ist dann stark, wenn ich selbst nach Jahren oder Jahrzehnten in ihr noch Neues entdecken kann, das mein geistliches Leben bereichert.
Liebe Schwestern und Brüder! Nun könnten Sie sagen: Das ist ja alles interessant und bedenkenswert, was Bischof Ackermann da zum Beten ausführt. Aber drückt er sich in seiner Predigt nicht um den eigentlichen Knackpunkt der biblischen Lesungen von heute? In ihnen geht es um das Bittgebet, zu dem Jesus seine Jünger ausdrücklich auffordert und von dem wir doch wissen, dass es oft nicht erhört wird. Nicht immer geht es so gut aus wie bei der Königin Ester.
Ist nicht das Bittgebet der Testfall des Glaubens?! Warum fordert uns Jesus auf zu bitten, und wir müssen doch so oft erleben, dass unsere Bitten nicht erhört werden? Will Gott sie nicht erhören? Kann er es nicht? Die Beschäftigung mit dieser Frage füllt ganze Regalreihen theologischer Bibliotheken. Und wir kennen die klassischen Antworten, die gegeben werden. Sie sagen:
- Gott ist doch nicht der stumme Erfüllungsgehilfe für all unsere Wünsche und Anliegen.
- Gott erhört unsere Gebete, aber er erhört sie auf eine „höhere Weise“, die sich uns nicht unmittelbar erschließt. Das Problem ist nur, dass Menschen, die vom Hungertod bedroht sind, Menschen, die auf der Flucht sind, Menschen, die nicht wissen, wie sie ihre Familie durchbringen sollen, nicht auf eine „höhere Weise“ erhört, sondern schlicht gerettet werden wollen …
- Oder nehmen wir diese Antwort: Wenn Jesus uns zum Beten auffordert, dann geht es letztlich nicht um die Erhörung dieser oder jener Bitte, sondern darum, dass wir uns in den Willen Gottes hineinbeten. Es geht nicht darum, dass wir Gott zu etwas bewegen, sondern darum, dass wir selbst uns bewegen, uns verändern auf ihn hin …
Natürlich, liebe Schwestern und Brüder, ist an all diesen Antworten etwas Richtiges dran. All diese Aspekte spielen für unser Gebet eine Rolle. Und doch bleibt, wenn wir ehrlich sind, eine gewisse Ratlosigkeit zurück. Die ist nicht zu überwinden. Die sollten wir auch nicht leugnen. Es bleibt eine Spannung, auch im Leben des gläubigsten Menschen. Diese Spannung verbindet uns mit denen, die sich mit dem Glauben an Gott schwertun. Von Martin Walser, dem Schriftsteller, der sich selbst als nicht gläubig bezeichnet hat, gibt es den nachdenklichen Vierzeiler: Ich bin an den Sonntag gebunden wie an eine Melodie. Ich habe keine andere gefunden, ich glaube nicht, aber ich knie (Heilige Brocken. Aufsätze – Prosa – Gedichte, Frankfurt 1988, 74). Es ist ein Phänomen, dass auch Menschen, die sich zu keiner Religion bekennen oder gar ausdrücklich als Atheisten verstehen, doch auf die ein oder andere Weise beten (und dabei nicht selten eine Opferkerze anzünden), um ihren Dank oder ihre Bitte an den Urgrund des Lebens auszudrücken.
Mir selbst hilft zur Antwort auf die Frage nach dem Sinn und der Wirkung des Bittgebets ein Wort von Papst Leo dem Großen. Er hat sinngemäß einmal in einer Predigt den Zuhörern gesagt: Denkt daran, dass wir im Gebet letztlich um nichts Geringeres bitten als um Gott selbst. (Sermo 92,3) Mir hilft dieser Gedanke. Natürlich bitten wir um Gott nicht wie um einen Gegenstand. Gott zu erbitten, das heißt vielmehr: um seine Nähe, um seine Gegenwart zu bitten; darum zu bitten, dass Gott mir nahe ist und ich seine Nähe spüren darf, was auch immer geschieht. Gott ist das Ziel unseres Betens über all unsere einzelnen Bitten hinaus. Damit werden unsere konkreten Bittgebete nicht überflüssig, aber sie stehen im umfassenden Horizont des lebendigen Gottes.
Eine Bestätigung für diesen Gedanken finde ich beim Evangelisten Lukas. Er hat das Jesuszitat, das wir eben aus dem Matthäusevangelium gehört haben, ein wenig abgewandelt. Bei Matthäus sagt Jesus zu den Jüngern: Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten. Lukas konkretisiert in seinem Evangelium das „Gute“, von dem da die Rede ist. Er gibt Jesus mit den Worten wieder: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten“. (Lk 11,13)
„Das Gute“, das Gott zu geben hat, ist der Heilige Geist. Der Geist ist ja nichts anderes als das Innerste Gottes selbst, sein Leben, seine Liebe. In dieser Liebe schenkt sich uns Gott selbst. Nichts Geringeres gibt er uns. Darin liegt die endgültige Erfüllung all unserer Bitten."