Ein Thema, Perspektiven aus drei Kulturen: Am 29. und 30. Oktober veranstaltet die Theologische Fakultät Trier eine trikontinentale Online-Konferenz zu Schöpfungsspiritualitäten.:Perspektiven für das gemeinsame Haus

Trier – Für die Theologische Fakultät Trier ist es eine Premiere, wie Prof. Dr. Klaus Vellguth, Inhaber des Lehrstuhls für Pastoraltheologie mit Homiletik, betont. Wenn auch eine naheliegende. Denn die Fakultät unterhält Kooperationen sowohl nach Cochabamba in Bolivien als auch ins afrikanische Ruanda, wo es Kooperationsverträge mit der katholischen und der protestantischen Universität gibt.
So entstand die Idee, sich in einer Konferenz gemeinsam ein Thema vorzunehmen. „Spätestens seit der im Jahr 2015 veröffentlichten Enzyklika ‚Laudato si’‘ ist auch im katholischen Bewusstsein angekommen, dass die Verantwortung für die Schöpfung eine der, wenn nicht sogar die zentrale Herausforderung der Menschheit ist“, erklärt Vellguth die Themenwahl. Auch für die Kirche sei es ein hochaktuelles Anliegen, vor allem weil Papst Franziskus daraus eines der Hauptthemen seines Pontifikats gemacht hatte.
Mensch und Umwelt oder Mitwelt
Die Kernfrage sei dabei die der Anthropozentrik: also die Idee, dass der Mensch im Mittelpunkt der Schöpfung steht. „Papst Franziskus sprach in ,Laudato si’‘ bereits von einer gemäßigten Anthropozentrik, weil er merkt, dass es ein Problem gibt, wenn wir Menschen uns ins Zentrum setzen und von einer Umwelt sprechen.“ In „Laudate Deum“ aus dem Jahr 2023 spreche der Papst dann von einer sogenannten situierten Anthropozentrik, bei der die Menschen mit der Mitwelt verbunden sind.
„Bei der Frage, wie wir es schaffen, aus unserem eigenen, kulturell angelernten anthropozentrischen Verständnis herauszufinden, können uns vor allem indigene Kulturen helfen, die ein ganz anderes Verständnis und kosmologisches Bewusstsein haben“, ist Vellguth überzeugt. Und: „Papst Franziskus hat schon in ,Laudato si’‘ zu einem Gespräch zwischen den Religionen und Kulturen angeregt, weil er gemerkt hat, dass wir eine Bereicherung von außen brauchen.“
Soweit zum allgemeinen Hintergrund der Tagung. Zudem ist es ein Anliegen des Wissenschaftlers, Schöpfungsspiritualität als ein Schwerpunktthema an seinem Lehrstuhl zu verankern. Er selbst hat bereits in mehreren Kontexten dazu geforscht und Werke über die Schöpfungsspiritualitäten in Lateinamerika, Asien, Afrika, Europa und Deutschland publiziert. Ein Band über Ozeanien bereitet er derzeit vor. „Wenn wir da in einen interkulturellen Austausch treten, können wir unsere eigene kulturelle Begrenztheit ein Stück weit aufbrechen“, ist sich der Theologe sicher.
Die Online-Konferenz Ende Oktober, die allen Interessierten offensteht, gliedert sich in mehrere Teile. Zunächst geht es um die verschiedenen Kontexte der drei beteiligten Kontinente. Ein zweiter Teil widmet sich biblischen Perspektiven auf die Schöpfung. Teil drei behandelt in Vorträgen Schöpfungsspiritualitäten, und Teil vier erörtert praktische Konsequenzen. Im letzten Part steht dann der Austausch im Fokus.
Warum muss man biblische Schöpfungserzählungen aus verschiedenen Perspektiven betrachten? Der Text bleibt ja schließlich der gleiche. Weit gefehlt, betont Vellguth. „Der Text entsteht beim Lesen. Es geht darum, zu verstehen, dass wir unsere europäische Perspektive nicht generalisieren können. Die lateinamerikanische Sicht ist viel stärker von indigenen und andinen Perspektiven geprägt. In Afrika spielt die Deutung durch traditionelle Religionen eine starke Rolle. Das kann auch uns helfen, den Reichtum der Bibel nochmal stärker zu entdecken.“ Umgekehrt könne aber auch die europäische Perspektive für die beiden anderen Kontinente neue Sichtweisen mitbringen, etwa die Idee, dass Menschen KoKreatoren der Schöpfung sind und dass sich in der Kultur die Schöpfung weiter realisiert. „Und wir bringen natürlich auch den Reichtum einer zweitausendjährigen europäischen Theologiegeschichte ein.“ Zudem gelte es zu zeigen, dass Europa dabei ist, seine Perspektive zu verändern und gerade auch im Blick auf postkoloniale Diskurse versucht, nicht Lehrender zu sein, sondern Hörender.
Organisatorisch verschiedene Kulturen
Das gilt nach Vellguths Angaben im Übrigen nicht nur für das schöpfungstheologische Thema,sondern überhaupt für die Organisation einer trikontinentalen Tagung. Denn neben technischen Problemen, wie etwa instabilen Internetverbindungen in der Vorbereitung, treffen auch organisatorisch verschiedene Kulturen aufeinander. „Deutsche planen eine solche Konferenz Jahre im Voraus. Andere Kulturen handhaben das auch mal spontaner.“ Deutsche hätten oft bereits vorab genaue Vorstellungen, wie etwas aussehen soll. „Da müssen wir aufpassen, dass wir die Kooperationspartner nicht überrollen und ihnen nur noch die Rolle des zustimmenden Juniorpartners zuweisen.“
Vellguth ist überzeugt, dass es auch künftig einen regen Austausch zwischen den Partnern geben wird. „Die Kooperationen leben davon, dass wir sie mit Inhalten füllen.“ So ist für 2027 eine zweite Begegnungsreise mit Studierenden nach Cochabamba geplant. „Neben diesen Reisen, bei denen die Begegnung vor Ort im Fokus steht, sind Online-Konferenzen eine gute Möglichkeit, sich auf fachlicher Ebene auszutauschen.“
Dabei sei es sowohl denkbar, das Thema Schöpfungsspiritualität in anderen Formaten aufzugreifen, als auch, das Format der trikontinentalen Online-Konferenz beizubehalten und andere verbindende Themen zu fokussieren.
Im Anschluss an die Tagung werden die Konferenzergebnisse auf Deutsch, Spanisch und Englisch veröffentlicht. Geplant ist, dass die deutschsprachige Dokumentation in der Reihe „Theologie und Schöpfung“ bei Kohlhammer erscheint, die Vellguth und seine Kollegin vom Lehrstuhl für Exegese des Alten Testaments, Prof. Dr. Carolin Neuber, herausgeben. Drei weitere Bände dieser Reihe, die die Resultate anderer Tagungen zusammenfassen und das Thema auch aus Trierer Sicht bearbeiten, sind bereits in Planung.
Über Perspektiven austauschen
Vellguth selbst freut sich, dass zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aus Trier an der Tagung mitwirken: Neben dem Rektor Prof. Dr. Walter A. Euler werden der Moraltheologe Prof. Dr. Johannes Brantl, der Religionspädagoge Prof. Dr. Patrik C. Höring, der Islamwissenschaftler Dr. Dennis Halft OP sowie die Exegeten Prof. Dr. Carolin Neuber und Prof. Dr. Hans-Georg Gradl Trierer Perspektiven einbringen. Auch die Studentin Nina Kohlmann konnte für das Abschlusspodium gewonnen werden.
„Darin spiegelt sich, dass die Fakultät in den vergangenen Jahren ein weltkirchlicheres und schöpfungssensibleres Profil gewonnen hat. Im Prinzip machen wir mit der Konferenz genau das, was Papst Franziskus in „Laudato si’“ angeregt hat: uns zusammenfinden und über Perspektiven für das gemeinsame Haus austauschen.“
Info
Informationen zur Tagung und zum Ablauf sowie die Möglichkeit, sich bis zum 25. Oktober dafür anzumelden, gibt es unter www.t1p.de/Schoepfungsspiritualitaeten im Internet. Nach der Anmeldung erhalten die Teilnehmenden die Zugangsdaten zur Online-Konferenz.