Ort des Zuhörens in Losheim:Zehn Jahre – tausend Gespräche

Losheim am See – Was im Sommer 2016 begann und von manchen zunächst skeptisch beäugt wurde, hat inzwischen seinen festen Platz in Losheim: Der Bauwagen am Stausee als „Ort des Zuhörens“. Grund genug für die Haupt- und Ehrenamtlichen, gemeinsam auf das vergangene Jahrzehnt zurückzublicken. 16 Zuhörerinnen und Zuhörer sind dafür Mitte Januar zum Treffen ins Pfarrheim nach Niederlosheim gekommen, haben bei Kaffee und Kuchen Erfahrungen ausgetauscht und die Saison 2026 geplant. Bei einem Workshop mit Ulrich Monzel, dem katholischen Leiter der Evangelisch-Katholischen TelefonSeelsorge Saar, bildeten sich die Engagierten zudem weiter.
„Der Start 2016 war holprig“, blickt die für das Bauwagen-Projekt zuständige Gemeindereferentin Barbara Jung zurück. „Müssen wir jetzt, um in die Kirche zu gehen in den Bauwagen… !?“, sei ein Kommentar gewesen. Das Blatt habe sich seitdem gewendet: „Seid ihr wieder da…, wie schön!“ oder „Großartig, dass ihr da seid! Schöne Idee, machen Sie weiter!“ oder „Von dieser Idee muss ich bei uns auch erzählen!“, seien die Reaktionen heute. Die Idee zu dem „Ort des Zuhörens“ sei bei einer spirituellen Wanderung mit Diakon Wolfgang Drehmann entstanden, erzählt Jung: „Wir wollten gerne mehr Angebote am See machen und für Leute da sein, die jemanden suchen, mit dem sie sprichwörtlich ,über Gott und die Welt‘ reden und ihre Nöte und Sorgen loswerden können. Jemanden zu haben, der einem zuhört, ist ein Grundbedürfnis des Menschen, das im Alltag leider oft zu kurz kommt.“ Aktuell sind 18 Ehrenamtliche und sieben Hauptamtliche als Zuhörende am Bauwagen im Einsatz, darunter neun Ehrenamtliche und drei Hauptamtliche, die von Anfang an dabei sind.
354 Stunden pro Saison sind sie von Mitte Juni bis Ende August am Bauwagen neben der Tourist-Info am Stausee im Einsatz. Sieben Tage pro Woche haben sie ein offenes Ohr für jeden, der es wünscht. Oft bleiben die Menschen für einen kurzen Smalltalk oder Gruß stehen – diese kurzen Begegnungen sind so zahlreich, dass sie nicht in die Bauwagen-Statistik einfließen. „Im Durchschnitt waren es pro Saison 85-120 Gespräche, die über den normalen Smalltalk hinausgingen“, sagt Barbara Jung. Macht in zehn Jahren rund 1000 teils intensive Gespräche, deren Inhalt natürlich vertraulich bleibt. „Das Grundbedürfnis der Menschen, die zu uns kommen, ist, wahr- und ernstgenommen zu werden mit ihren Anliegen, zu wissen, wir schätzen jeden wert und begegnen den Menschen frei von Vorurteilen. Das motiviert sie, sich uns gegenüber anzuvertrauen.“
Dankbar für geschenkte Zeit ohne Gegenleistung

Die Themen sind so vielfältig wie die Menschen, die aus allen Altersgruppen kommen: Mobbing auf der Arbeit oder in der Schule, Lebensängste, Trauer um Angehörige, Konflikte in der Familie oder in der Ehe, Berufskrisen, Scheidung, Umgang mit Vorurteilen und Enttäuschungen, Arbeitsstress und krankmachendes Arbeitsklima, Überforderung mit der Pflege des Partners oder der Eltern, eigene Krankheit, Probleme mit dem Selbstwertgefühl, Sorgen vor gesellschaftlichen Entwicklungen, Suchtprobleme, Schnelllebigkeit, Oberflächlichkeit, früherer Missbrauch und vor allem das Thema Einsamkeit sind Anliegen, für die Zuhörende gesucht werden.
„Viele Menschen sind dankbar, dass wir für sie da sind und Zeit schenken – ohne jegliche Gegenleistung“, sagt Jung. Vor ihrem Einsatz lernen die Engagierten die Grundlagen des aktiven Zuhörens von Mitarbeitenden der Lebensberatungsstelle und wie sie auf Gesagtes reagieren können – ohne zu werten. „Wir sind keine ausgebildeten Therapeuten oder Berater“, stellt Gemeindereferentin Barbara Jung klar, „aber jeder von uns bringt Lebenserfahrung mit. Wir leben in Beziehungen, kennen Freud‘ und Leid, haben teilweise selbst Angehörige gepflegt oder ein Geschäft geleitet.“
Gelegenheit, sich in Sachen Zuhören weiterzubilden, bot der Workshop mit Ulrich Monzel von der ökumenischen TelefonSeelsorge. „Jeder einzelne konnte schildern, was für sie oder ihn das Besondere am Projekt ist. Das Zusammentragen hat den Teilnehmenden gutgetan“, sagt Tanja Buchheit-Thewes vom Leitungsteam des Pastoralen Raums. Häufig würden Menschen unter biologischen, sozialen und psychischen Aspekten betrachtet, so Monzel. Doch bei dieser Sichtweise fehle die Frage nach dem „Mehr“, den existenziellen Fragen. Der „Ort des Zuhörens“ biete die Möglichkeit, diese Fragen zu stellen, dies sei das Besondere an dem Projekt.
„Es war ein motivierender Abend, der die Gemeinschaft gestärkt hat – gerade weil jede*r seinen Dienst normalerweise alleine macht“, sagt Buchheit-Thewes. Finanziert wird der „Ort des Zuhörens“ vom Pastoralen Raum Wadern – Spenden für das Projekt sind willkommen.