Die Option für die Armen ist ein zentrales Prinzip der christlichen Sozialethik und ein zentraler Punkt der Befreiungstheologie, wie sie ab den 1960er-Jahren in Lateinamerika entstand. Diese Theologie ist eng mit den Lebenswirklichkeiten der Armen und Unterdrückten verbunden. Sie sucht Antworten auf die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ungerechtigkeiten, die viele Gesellschaften weltweit und in Lateinamerika prägen.
Die Ursprünge der Option für die Armen liegen im Engagement der Basisgemeinden, in denen sich Christinnen und Christen zusammenschlossen, um das Evangelium in ihrem Alltag zu leben und den Armen eine Stimme zu geben. Diese Gemeinden verstanden sich nicht nur als religiöse Gruppen, sondern als Akteure sozialer Veränderung.
Besonders Gustavo Gutiérrez, einer der bekanntesten Begründer der Befreiungstheologie, hob die zentrale Rolle dieser Option hervor. Er betonte, dass das Konzept der Option für die Armen „80 Prozent dessen enthält, was die Befreiungstheologie ausmacht“. Für Gutiérrez war es keine bloße caritative Haltung, sondern ein grundlegender Perspektivwechsel: die bewusste Entscheidung, die Welt aus der Sicht der Armen und Ausgegrenzten zu betrachten und für deren Rechte und Würde einzutreten.
Die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen diese Theologie wuchs, waren von großer sozialer Ungleichheit geprägt. Armut war nicht das Ergebnis individueller Schicksale, sondern Ausdruck struktureller Ungerechtigkeit und systematischer Ausgrenzung. Viele Länder Lateinamerikas litten unter Militärdiktaturen, wirtschaftlicher Abhängigkeit und repressiven Strukturen, die den Reichtum einer kleinen Elite sicherten und breite Bevölkerungsschichten verarmen ließen.
Ein wichtiger Impuls kam von der Versammlung der lateinamerikanischen Bischöfe 1968 in Medellín (Kolumbien). Diese Tagung hatte das Ziel, die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils auf die Situation Lateinamerikas anzuwenden. Es war ein historisches Ereignis, bei dem die Bischöfe die Notwendigkeit sahen, die Kirche klar auf die Seite der Armen zu stellen. Sie riefen dazu auf, die Arbeit zugunsten der Armen und gegen die Mechanismen
der Unterdrückung zu fördern. Obwohl der Ausdruck „Option für die Armen“ in Medellín noch nicht verwendet wurde, war das Programm klar: Die Kirche sollte Partei ergreifen für jene, die am stärksten von Ungerechtigkeit
betroffen waren.

