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Netzwerktreffen des Caritasverbands: Träger positionieren sich gesellschaftspolitisch  :„Es kommen harte Jahre auf den Sozial- und Gesundheitsbereich zu“  

Rund 120 Vertretungen der Dienste und Einrichtungen der Caritas im Bistum nahmen am Netzwerkertreffen teil, um Lösungen zu sozial- und gesellschaftspolitischen Fragen zu entwickeln.  
Bischof Dr. Stephan Ackermann
Datum:
20. Nov. 2025
Von:
Simone Bastreri

Trier – Ob Behindertenhilfe, Altenhilfe, Hospize, katholische Krankenhäuser oder Migrationsdienste: Der Caritasverband im Bistum Trier ist Dachverband vieler Träger von Sozial- oder Gesundheitseinrichtungen. Zum ersten Mal hat der katholische Sozialverband am 18. November deren Vertretungen zu einem Netzwerktreffen in die Europahalle Trier eingeladen. An dessen Ende stand eine gemeinsame Erklärung, die sich für Menschenwürde und -rechte, Demokratie und den Sozialstaat stark macht und jede Form von Extremismus strikt ablehnt. Rund 120 Vertretungen der Dienste und Einrichtungen der Caritas im Bistum Trier waren der Einladung von Domkapitular Benedikt Welter und Christoph Wutz gefolgt, um gemeinsam mit vereinter Expertise und im Dialog mit Bischof Dr. Stephan Ackermann, Prof. Andreas Lob-Hüdepohl und Prof. Stefan Sell Lösungen zu sozial- und gesellschaftspolitischen Fragen zu entwickeln.  

Druck auf Sozialverbände und Träger steigt 

Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Universität Koblenz, prognostizierte in seinem Vortrag „harte Zeiten“, die auf Deutschland in den nächsten zehn bis 15 Jahren zukämen. 13 Millionen Babyboomer werden in den kommenden Jahren in Rente gehen und auf dem Arbeitsmarkt fehlen. Selbst mit einer verstärkten Zuwanderung, die politisch bei der aktuellen gesellschaftlichen Stimmung nicht einforderbar sei, könne dieser Trend nicht aufgefangen, höchstens abgemildert werden. Bereinige man die Zahlen um diejenigen Zugewanderten, die nicht dauerhaft blieben, benötige man jedes Jahr 1,5 Millionen Einwanderer. „Und auf Ihre Branche bezogen: So viele Pflegekräfte, wie wir dann brauchen, kann es gar nicht geben. Wir werden einen Mix aus professioneller und ehrenamtlicher Arbeit in der Pflege von Angehörigen erleben“, schätzt Sell.  

Menschenwürdige Pflege und Medizin muss ein Staat sich einfach leisten 

Professor Stefan Sell

Der Politologe stellte dar, dass es zwar steigende Bedarfe und Nachfragen in vielen Bereichen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft gebe. Zugleich werde aber durch den Staat immer mehr Druck bei der Finanzierung dieser Aufgaben aufgebaut. „Ich kann Ihnen nur raten, ihren Mehrwert für die Gesellschaft deutlich herauszustellen. Das sind ja keine Millionen, die irgendwo im Nichts versanden, sondern damit wird die menschenwürdige Behandlung in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Behinderteneinrichtungen finanziert. Und das muss eine Gesellschaft sich leisten. Sie sollten den Ball ruhig zurückspielen und konkret fordern, was Sie als Träger für eben diese würdige Pflege benötigen.“ Darüber hinaus empfahl Sell, den eigenen Mitarbeitenden in den Einrichtungen gute Argumente an die Hand zu geben, die für die kirchliche Trägerschaft sprechen. „Was macht Sie aus, warum ist es gut, in einem christlich geprägten Krankenhaus zu arbeiten, was sind Ihre Alleinstellungsmerkmale?“   

Hinzu kämen die derzeit erlebbaren gesellschaftlichen „Abwertungsdiskussionen“. „Da werden Leistungsempfänger alle in eine Tonne geworfen, als nicht ‚bedürftig‘ genug oder der Hilfe nicht ‚würdig‘ dargestellt. Es wird monatelang darüber diskutiert, obwohl wir seit Jahren sinkende Zahlen verzeichnen. Wir führen eine von statistischen Fakten losgelöste Diskussion“, so Sell. Er warne vor solchen Diskussionen um die „Wertigkeit“ von Menschen, ob beim Bürgergeldbezug, in der Flüchtlingsfrage oder jüngst bei der von CDU-Politiker Hendrik Streek aufgeworfenen Frage, ob alten Menschen gewisse Medikamente nicht mehr gewährt werden sollten. Kirchen und Sozialverbände müssten sich warm anziehen, denn schon jetzt bombardiere die AfD den Bundestag mit Anfragen zu Geldern für Kirchen, für Hilfswerke und für die Deutsche Bischofskonferenz und stelle Anfragen zu behinderten Menschen, die schlimmste Befürchtungen weckten.  

Lob-Hüdepohl zeichnete in seinem sozialethischen Ansatz ein Bild der Caritas als Wohlfahrtsakteurin mit gesellschaftspolitischem Mandat. Als Vertreterin für Berufe der sozialen Arbeit sieht der Professor für Theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin die Caritas vor allem den Herausforderungen „Klima und Gesundheit“ und „extreme Einsamkeit“ gegenübergestellt. „Die Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, der Menschenrechte und der Respekt vor der Vielfalt sind für die Soziale Arbeit zentral. Die Träger der Caritas im Bistum Trier sind demokratiepolitisch gefordert“, so Lob-Hüdepohl.  

Glaubwürdigkeit durch Handeln am Menschen 

Bischof Ackermann sagte mit Blick auf seinen Vorredner Sell, er wolle gerne Hoffnung spenden, aber zugleich müsse er die Argumente der beiden Professoren sogar noch verschärfen. Denn die Einschläge und Bedrohungen der „Caritas-Welt“ nähmen zu. Zugleich seien die großen Kirchen ein wenig Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Während Gesundheits- und Armenfürsorge früher ausschließlich von Orden und Kirchen übernommen wurde, gebe es heute viele Mitbewerber auf diesen Feldern – allerdings „ohne das ideologische Gepäck“. Das Vertrauen in die Caritas sei nach wie vor hoch, in die katholische Kirche aber gering. „Noch gibt man uns Kredit in sozialen Dingen”, aber wenn die Gläubigenzahlen und damit auch die Mittel weiter schwinden, sei die Frage, ob dann ein erweiterter Sozialstaat und bürgerschaftliches Engagement auffangen müssten, was bisher kirchliche Träger im Auftrag des Staates leisteten. „Doch wie darauf reagieren?“, fragte Ackermann. „Was wir nicht wollen, ist uns auf die Liturgie und Verkündigung zurückziehen, was viele als Markenkern mit Kirche verbinden. Das können wir allein vom Evangelium her nicht tun, dass wir den karitativen Bereich weglassen. Denn unsere Glaubwürdigkeit zeigt sich nicht in flammenden Worten, sondern im Tun.“ Trotzdem solle man auch innerkirchlich Verkündigung und Caritas nicht gegeneinander ausspielen. Ackermann stimmte Sell zu, dass die christliche Botschaft in kirchlichen Einrichtungen stärker hervorgehoben werden solle. „Es ist Herausforderung und Chance, dass wir uns explizit auf die christliche Botschaft beziehen. Ich erlebe, dass die Leute bereit sind, zu hören, aus welcher Überzeugung heraus wir etwas tun. Menschenwürde aus unserem Verständnis gilt für jeden Menschen, denn jeder und jede ist Gottes Ebenbild.“   

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