Demenzsensible Seelsorge:Was tun, wenn der Gottesdienst zu lang wird?


Neunkirchen – Wenn Diakon Oliver Besch sich daran erinnert, wie er früher Gottesdienste in Seniorenheimen geleitet hat, muss er schmunzeln: „Ich habe oft festgestellt, dass Bewohner während des Gottesdienstes gut einschlafen können“, sagt Besch, „ich habe mich gefragt: Wie kann das sein? Ich habe mir doch so viel Mühe gegeben.“ Doch dem gelernten Krankenpfleger wurde klar, dass es nicht an fehlendem Interesse lag, sondern dass es vielen Seniorinnen und Senioren aufgrund ihrer dementiellen Erkrankung schwerfiel, einem Gottesdienst in der üblichen Liturgie über längere Zeit zu folgen.
So begann er sich in die Thematik „Demenzsensibel Gottesdienst leiten“ einzuarbeiten und probierte es in der Praxis aus – mit Erfolg: „Ich merke heute ein ganz anderes Feedback. Die Leute sind viel wacher, bringen sich viel mit Dingen aus ihrer Vergangenheit ein. Es ist eine ganz andere Interaktion als früher.“ Aus dieser Erfahrung heraus entstand die Idee, auch andere Interessierte als Multiplikatoren zu schulen, solche Gottesdienste zu leiten. Bei Engagemententwicklerin Silvia Pfundstein vom Pastoralen Raum Neunkirchen – selbst gelernte Krankenschwester – stieß er dabei auf offene Ohren. „Ich fand die Idee sofort super. Das ist für uns als Kirche ein wichtiges Feld“, sagt Pfundstein, die wiederum den Demenzverein des Landkreises Neunkirchen e.V. als Partner gewinnen konnte. „Es ist uns ein Anliegen, dass der Kurs inhaltlich professionell begleitet wird und wir auf dem neuesten Stand der Wissenschaft sind, was die Erkrankung und den bestmöglichen Umgang mit Betroffenen angeht.“
Hoher Bedarf in Pflegeeinrichtungen

Gemeinsam bieten sie nun ab Montag, 13. April, den Kurs „Herz an Herz – Demenzsensibel Gottesdienst feiern“ an, der sich an alle richtet, die sich vorstellen können, in stationären Einrichtungen demenzsensible Gottesdienste zu leiten (siehe Info). Eine theologische Ausbildung ist keine Voraussetzung. So gibt es bereits Mitarbeitende aus der Pflege, die zur Leitung von Wortgottesdiensten ausgebildet sind. Der Kurs ist auch konfessionell offen und kann auch von Mitarbeitenden aus nicht-kirchlich getragenen Einrichtungen besucht werden. Im Pastoralen Raum Neunkirchen gibt es 19 stationäre Altenpflegeeinrichtungen. „Zwölf sind sehr daran interessiert, kirchlich begleitet zu werden“, nennt Diakon Besch das Ergebnis einer Abfrage. Doch werden aufgrund zukünftiger zurückgehender personeller Ressourcen weniger Gottesdienste als bisher angeboten werden können. Für Einrichtungen, die weitere Gottesdienste anbieten möchten, eigne sich der Qualifizierungskurs.
Am Anfang des Kurses wird Demenzfachberaterin Nicola Dannert-Zimmer vom Demenzverein über das Krankheitsbild Demenz und den aktuellen Forschungsstand informieren. „Während meiner Arbeit in der stationären Pflege habe ich immer wieder gemerkt, wie wichtig es den Bewohnerinnen und Bewohnern ist, ihren Glauben zu leben. Als Team haben wir uns oft gefragt, wie wir dazu einen Beitrag leisten können“, sagt Dannert-Zimmer, die 14 Jahre lang in stationären Einrichtungen gearbeitet hat.
Anschließend lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wie ein Gottesdienst demenzsensibel gestaltet werden kann. „Wir wollen den Teilnehmenden Leitsätze mit an die Hand geben, an denen sie sich bei der Vorbereitung orientieren können“, kündigt Besch an. Da es sich bei dem Kurs um eine Premiere handelt, sei es ein Stück weit auch ein Experiment. Daher nennen es die Veranstalter auch „Werkstatt“. „Unser Wunsch ist, dass die Leute, die unsere Werkstatt besuchen, sich im Anschluss befähigt fühlen, selbst solche Gottesdienste leiten und gestalten zu können“, sagt Pfundstein, „sie wissen dann, wo sie passende Texte und Lieder finden. Auf Wunsch begleiten wir die Teilnehmenden auch über den Kurs hinaus, beantworten Fragen, schauen auf ihre Gottesdienstentwürfe oder begleiten sie bei der Durchführung, damit sie Sicherheit gewinnen können.“ Wichtig sei auch die Reflexion nach dem Gottesdienst: „Was hat gut geklappt? Was hat die Menschen nicht erreicht?“, sagt Pfundstein.
Verständliche Sprache, kurze Texte
Die Vorbereitung eines demenzsensiblen Gottesdienstes sei aufwendiger. „Man kann nicht einfach das Messbuch aufschlagen und die Lesung und das Evangelium des Tages vorlesen“, nennt Diakon Besch ein Beispiel. Es habe sich bewährt, dass die demenzsensiblen Gottesdienste in der Wohngruppe – also im vertrauten Umfeld – der Seniorinnen und Senioren stattfinden und nicht alle an einen zentralen Ort in der Einrichtung gebracht werden. Auch die Dauer sei entscheidend: „Es sollte nicht länger als 25 Minuten gehen.“ Eine gekürzte Bibelstelle – entweder Evangelium oder Lesung – sei ausreichend. „Sie muss kurz und verständlich sein. Ich verwende gerne die Übersetzung der Bibel in einfacher Sprache“, sagt Besch. Er bereite Liedblätter in großer Schrift vor. „Das Blättern im Gotteslob würde viele überfordern.“ Auch der Ablauf des Gottesdienstes weiche von der üblichen Liturgie ab. Statt mit Kreuzzeichen und Gebet zu beginnen, gestaltet Diakon Oliver Besch zunächst die Mitte des Stuhlkreises, stellt Kerze, Kreuz, Bibel und Blumenstrauß auf. Dazu spielt er Glockenläuten vom Smartphone ab. „Dadurch entsteht ein feierlicher Rahmen, das sehe ich deutlich an der aufrechteren Sitzhaltung.“
Gottesdienste mit Schnee
Jeweils ein Thema steht im Zentrum des Gottesdienstes. Das könne etwas Passendes zur Jahreszeit sein oder ein aktueller Heiliger. Bei der Vorbereitung helfe ihm die Frage: „Welche Aktivität hilft dem Gottesdienstteilnehmer, dabei zu bleiben?“ Hier hätten sich sensorische Reize bewährt. „Mal gibt es Wasser, wenn es um die Taufe geht, mal ein Bild, das herumgereicht wird oder Wollfäden, die in der Mitte zusammenlaufen.“ Im Herbst brachte er raschelnde bunte Blätter mit, im Winter Schnee in einer Kühltruhe. „Wenn jemand Schnee in den Händen hält, bleibt er wach.“ Für die Musik wählt er bekannte Lieder – auch aus dem alten Gotteslob – aus, die von vielen mitgesungen werden können. „Es ist wichtig, dass die Menschen vom Herzen her dabei sein können. Sie können viel aus ihrer Kindheit und Jugend wiedergeben.“ So sollen demenzsensible Gottesdienste das Langzeitgedächtnis bei den Teilnehmenden aktivieren. „Während das Kurzzeitgedächtnis bei dementiell Erkrankten oft nicht mehr funktioniert, ist im Langzeitgedächtnis noch sehr viel vorhanden“, meint Engagemententwicklerin Pfundstein.
Eine Herausforderung sei es, den Gottesdienst so zu gestalten, dass er auch für nicht dementiell erkrankte Teilnehmende ansprechend ist, sagt Oliver Besch. „Viele nutzen fälschlicherweise den Vergleich von dementiell Erkrankten mit Kindern. Doch es sind Erwachsene Menschen, das müssen wir im Umgang mit ihnen ernst nehmen“, sagt Demenzfachberaterin Nicola Dannert-Zimmer und Silvia Pfundstein betont: „Wir wollen die Menschen in ihrer Gesamtheit sehen, da gehört Spiritualität dazu.“
Info: „Herz an Herz – Demenzsensibel Gottesdienst feiern“. Termine der Werkstatt: Montag, 13. April, Donnerstag, 23. April, Donnerstag, 30. April, Donnerstag, 7. Mai und Donnerstag, 11. Juni. Jeweils von 18 bis 20 Uhr. Ein zusätzlicher Termin für einen begleiteten Gottesdienst wird individuell vereinbart. Veranstaltungsort: Büro des Pastoralen Raums Neunkirchen, Kirchenstraße 26, 66589 Merchweiler. Kursleitung: Oliver Besch, Diakon, Silvia Pfundstein, Engagemententwicklung und Nicola Dannert-Zimmer, Demenzfachberaterin beim Demenzverein im Landkreis Neunkirchen e.V.
Anmeldung und Rückfragen: oliver.besch@bistum-trier.de; silvia.pfundstein@bistum-trier.de
Anmeldeschluss: 8. April.