Demenzparcours für Schulen vorgestellt:Wenn das Essen zur Herausforderung wird


Saarbrücken – Wie fühlt es sich an, wenn alltägliche Dinge, wie Anziehen, Frühstücken oder Einkaufen nicht mehr funktionieren? Wenn einem Worte und Erinnerungen fehlen, der Weg, den man tausendmal gegangen ist, nicht mehr einfällt? Und das Umfeld auf die Aussetzer gereizt reagiert? Was Demenzkranke tagtäglich erleben, können nun Schülerinnen und Schüler im Saarland beim „Demenzparcours“ nachempfinden. Der Parcours wurde während der Nationalen Demenzwoche am 22. September im Rahmen der Fachtagung Demenz des Instituts für Lehrerfort- und weiterbildung (ILF) und des Bildungscampus Saarland vorgestellt. Ab sofort kann er von Schulen und weiteren interessierten Institutionen ausgeliehen werden. Der Demenzparcours mit dem Namen „Hands-on Dementia“ wurde vom deutschen Studenten Leon Maluck entwickelt und ist bereits in anderen Bundesländern im Einsatz.
„Demenz betrifft – direkt oder indirekt – uns alle. Im Saarland leben derzeit rund 22.850 Menschen mit Demenz. Die meisten von ihnen werden sehr lange in der Familie betreut, was bedeutet, dass auch viele Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte direkt oder indirekt mit dem Thema konfrontiert sind“, sagt Karolina Engel vom ILF. Daher sei es wichtig, Lehrkräften ein Angebot zu machen, wie sie das Thema Demenz im Unterricht aufgreifen können. Ziel des Parcours sei es, Verständnis für die Krankheit und die Betroffenen zu vermitteln.
14 Stationen hat der Parcours, etwa eine Stunde dauert es, ihn zu durchlaufen. Anhand des Beispiels der fiktiven dementen Seniorin Erna geht es darum, Aufgaben des Alltags zu erledigen wie Frühstück, Abendessen, Hausarbeit, Anziehen, Einkaufen oder Freizeit. Bei den meisten Stationen wird ein Spiegelkasten als Hilfsmittel verwendet, um die eigene Motorik buchstäblich auf den Kopf zu stellen. Nur mit Blick in diesen Spiegel sollen kleine Autos über Straßen bewegt werden, sind Verkehrsschilder an einer Kreuzung einzuzeichnen oder Glasmurmeln in Becher zu werfen. Vorne wird hinten, links wird zu rechts. In Zweiergruppen durchlaufen die Lehrkräfte die Stationen, wobei eine in die Rolle des Betroffenen, die andere in die eines Angehörigen schlüpft. „Seien Sie ruhig ungeduldig“, rät Susanne Klesen vom Bildungscampus Saarland den „Angehörigen“ – dies spiegele die Realität wider. Konzentriert versucht Maike Maurer zunächst mit einem Holzlöffel, Murmeln in Becher zu löffeln – hier wird eine Essenssituation geprobt. Doch der Spiegel macht die Koordination nahezu unmöglich. „Ich fühle mich hilflos. Der Druck wird immer größer.“ Der Parcours zeigt, wie es ist, wenn die Demenz vom Denken und Fühlen Besitz ergreift und es trotz aller Anstrengungen, „es richtig zu machen“, nicht klappen will.
"Der Redebedarf bei Schülern ist groß"

Das neue Angebot schließe eine Lücke, betonte auch die saarländische Sozial-Staatssekretärin Bettina Altesleben: „Mit dem Demenzparcours können Schülerinnen und Schüler das Thema direkt praktisch erfahren. Je früher junge Menschen mit diesem Thema in Berührung kommen, desto mehr kann Verständnis, Empathie und gesellschaftliches Bewusstsein für Demenz unterstützt werden.“ Für viele Betroffene und ihre Familien sei es nicht leicht, Hilfe von außen anzunehmen. Hier könnten pädagogische Fachkräfte ansetzen. „Sie haben die Möglichkeit, schon früh ein Bewusstsein für das Thema Demenz zu schaffen und dazu beizutragen, dass junge Menschen es besser verstehen und einordnen können und zugleich auf die vorhandenen Hilfsangebote aufmerksam werden.“
Die Krankheit sei für Schülerinnen und Schüler ein Thema, weiß Karina Bauer, Lehrerin an der Gemeinschaftsschule in Bexbach. Im Biologie-Unterricht bei der Einheit zum Thema Sinne und Nerven werde auch über Demenz gesprochen. „Ich frage, ob jemand einen Betroffenen kennt und lasse die Schülerinnen und Schüler dann erzählen. Das sind teilweise sehr nahegehende Erfahrungen vor allem mit den Großeltern. Da ist der Redebedarf groß – auch über den Biologie-Unterricht hinaus“, sagt Bauer. Sie möchte den Demenzparcours in jedem Fall für ihre Schule ausleihen, aber auch für die Lehrkräfte-Fortbildung am Bildungscampus.
Während der Fachtagung, die von der Techniker Krankenkasse Landesvertretung Saarland unterstützt wurde, gab Professor Dr. Tobias Hartmann, wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Demenzprävention der Universität des Saarlandes, Einblicke in den aktuellen Forschungsstand: „Wir können heute Alzheimer nicht heilen, aber früh mit Interventionen beginnen, also den Lebensstil verändern, die Ernährung anpassen. Das ist extrem wirksam und kann die Krankheit über Jahre verzögern und das Schrumpfen des Gehirns verlangsamen. Je früher man mit dem gesunden Leben anfängt, desto besser ist der Effekt“, sagte er. Großes Anliegen sei es ihm, dass Schülerinnen und Schüler lernen, was ein gesundes Leben ist. „Wie können sie Fakten dazu von Fake News, von denen es auf Social Media etliche gibt, unterscheiden?“ Eine ungesunde Ernährung über einen längeren Zeitraum erhöhe das Demenz-Risiko. Im Vortrag ging er auch auf die neue Antikörperbehandlung ein, die ergänzend ein weiterer Behandlungsbaustein sein kann. „Aber sie ist für viele nicht geeignet.“
Info: Der Demenzparcours für das Saarland wurde mit Unterstützung der Lord-Stiftung angeschafft. Er kann an weiterführenden Schulen, in der Pflegeausbildung oder im Rahmen einer Studienveranstaltung eingesetzt werden. Der Parcours lässt sich mit einem Auto transportieren, da die Spiegelkästen zusammenklappbar sind. Vor der Ausleihe müssen die Lehrkräfte einen Workshop besuchen; diese werden künftig halbjährlich von ILF und Bildungscampus gemeinsam angeboten.
Anfragen zur Ausleihe und Workshop-Terminen: info@ilf-saarbruecken.de oder 0681-6857650
Weitere Infos: https://hands-on-dementia.info/