Ortsvorsteher aus Gehweiler findet Heiligenfigur auf Auktionsfoto im Internet :Wertvolle gestohlene Madonna taucht wieder auf – aber kein Happy End
Wadrill-Gehweiler – Eine wertvolle Madonnenfigur wird aus einer kleinen Kapelle gestohlen – knapp fünfzig Jahre später entdeckt der neue Ortsvorsteher sie im Internet wieder. Es könnte ein Fall aus einem alten Detektivfilm oder einem „Drei-Fragezeichen“-Roman sein: Am 12. August 1977 wird das Dörfchen Gehweiler im Hochwald zum Tatort eines der bedeutendsten Kunstraube der Region. Es ist Nacht im 300-Seelen-Dörfchen Gehweiler. Bauernhäuser mit Scheunen und eine kleine Kapelle liegen verschlafen direkt an der Durchgangsstraße von Wadern nach Wadrill. Von außen lässt das unscheinbare, 1746 von der Ortsgemeinde erbaute Kapellchen nicht erahnen, welche Kostbarkeit sich in seinem Inneren verbirgt. Doch auf die haben es dreiste Kunstdiebe abgesehen: eine aus Holz geschnitzte 94 Zentimeter große Madonnenfigur mit Jesuskind aus dem 15. Jahrhundert – mehrere Zehntausend Euro wert. Die Diebe schlagen eines der Fenster ein und lassen die ungesicherte Figur mitgehen – ebenso wie eine barocke Statue des Heiligen Ludwig. Der ist Schutzpatron der Kapelle und wird im Volksmund liebevoll „Grasmännchen“ genannt.
Der Fall schlägt hohe Wellen – die lokalen Zeitungen berichten und der damalige Bistumskonservator Prof. Franz Ronig fordert als Konsequenz zum wiederholten Male eindringlich alle Pfarrgemeinden auf, die Kunstwerke in Kirchen und Kapellen gegen Diebstahl zu sichern: mechanisch, etwa durch Eisenverankerungen, oder bei wertvolleren Gegenständen auch mit Alarmanlage. Die Diebe werden nie gefasst, ihre Spur versandet.
Fast 50 Jahre später, 2024: Der frisch gewählte Ortsvorsteher des Wadrilltals, Alexander Marmitt, unterhält sich mit einer älteren Bewohnerin des Ortes und erfährt mehr darüber, wie sich der Raub ins kollektive Ortsgedächtnis eingebrannt hat. Marmitt wendet sich an verschiedene Leute im Ort, die noch Fotos und Zeitungsartikel archiviert haben. „Beim Durchblättern ist mir bewusst geworden, welche Bedeutung diese Figuren einst für unseren Ort hatten. Das waren nicht nur Kunstwerke, sondern Bestandteil des religiösen und kulturellen Lebens“, erzählt Marmitt. Je tiefer er sich auf die Geschichte der Madonna einlässt, desto mehr wird sein Interesse geweckt – und der Ehrgeiz, sich selbst auf die Suche zu begeben. „Ich habe begonnen, intensiv zu recherchieren, habe alte Bücher gewälzt, Archive durchforstet und unzählige Abende auf den Webseiten von Auktionshäusern, Kunsthändlern und Sammlerplattformen verbracht.“ Jede Sitzmadonna (so wird diese Darstellungsform bezeichnet), die ihm unterkommt, wird akribisch angeschaut und verglichen – ohne Erfolg. „Es war wirklich, als würde man die Nadel im Heuhaufen suchen. Irgendwann hat man das Gefühl, dass die alle gleich aussehen.“

Bis er Mitte Januar 2025 plötzlich auf der Seite eines renommierten Auktionshauses aus Süddeutschland auf einen Treffer stößt: „Die Haltung, der Faltenwurf des Kleides – all das passte, aber ich wollte mich nicht zu früh freuen.” Marmitt vergleicht die Bilder, bittet einen Freund, sie digital übereinander zu legen. Bald ist jeder Zweifel ausgeräumt: Es muss die Gehweiler Madonna sein. In „Schlapphut und Blaumann“ macht er sich am nächsten Morgen um 7 Uhr auf den Weg zur Polizei in Wadern, erzählt er. Zunächst habe die mit Skepsis reagiert, aber beim Sichten der Unterlagen sei klar geworden: Hier ist Marmitt wirklich auf der richtigen Spur. Das Angebot des Auktionshauses war von 2009 – damals wurde die Sitzmadonna für fast 20.000 Euro verkauft.
Um sicher zu gehen, schaltet Marmitt nun auch das Amt für kirchliche Denkmalpflege ein. Hier kommt Bistums-Konservator Matthias Paulke ins Spiel, der die Bilder gemeinsam mit einer Kollegin überprüft und bewertet. Mit 130.000 Fotografien kirchlicher Denkmäler verfügt das Amt über eines der größten Archive auf Bistumsgebiet. „Die Figur war professionell restauriert worden, aber man erkannte sie einwandfrei. Wir haben Proportionen und Faltenwurf verglichen, außerdem Merkmale wie einen starken Holzwurmbefall am Knie der Figur.“ Paulke vermutet, dass es ein Auftragsdiebstahl gewesen sein könnte, denn bis weit in die 1990er Jahre waren solche religiösen Figuren auf dem Kunstmarkt noch mehr wert als heute - vielleicht sogar das Doppelte des Auktionspreises von 2009. Doch wie kann gestohlene Kunst ihren Weg in eine legale Auktion finden? „Normalerweise haben Auktionshäuser Zugang zu Onlineverzeichnissen gestohlener Kunstwerke. Dieser Fall liegt jedoch so weit zurück, dass er in den Verzeichnissen sicherlich nicht gelistet wurde“, erklärt Paulke. Trotzdem hat er Anzeige erstattet – denn die Kapelle gehört zwar der Ortsgemeinde, das Inventar aber der Kirchengemeinde.
Der Fall landet bei der Staatsanwaltschaft Saarbrücken, die die Ermittlungen aber rasch wegen langjähriger Verjährung einstellt. Zivilrechtlich lässt das Bistum prüfen, ob Schadenersatzansprüche gegenüber dem Auktionshaus geltend gemacht werden können. Paulke und der Ortsvorsteher wollen Öffentlichkeit für die verschwundene Madonna von Gehweiler schaffen. Denn Alexander Marmitt möchte die Hoffnung noch nicht aufgeben: „Mein größter Wunsch wäre natürlich, dass unsere Sitzmadonna wieder nach Gehweiler zurückkehrt, wo sie hingehört. Ansonsten finden sich vielleicht die Käufer und lassen es zu, dass wir die Figur wenigstens sehen und fotografieren können, um eine Rekonstruktion anfertigen zu lassen.“
