Im Katholikenrats-Ausschuss „Ethik und Inklusion“ engagieren sich Menschen mit viel Praxiserfahrung:Kirche eine Stimme in gesellschaftlichen Diskussionen geben

Trier/Koblenz/Saarbrücken – Wenn Brigitte Nickenich aus Kettig sich mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern trifft, geht es um die herausfordernden ethischen Fragen unserer Zeit: Wie kann endlich mehr Teilhabe für behinderte Menschen gelingen? Wie bewahrt man die Menschenwürde eines Verstorbenen bei den neuen Bestattungsgesetzen in Rheinland-Pfalz? Wie positioniert man sich bei assistiertem Suizid? Die 63-Jährige gehört jedoch keinem Philosophier- oder Debattierkreis an, sondern dem Katholikenrat des Bistums Trier – dem obersten Gremium katholischer Laien. Und der beschäftigt sich in verschiedenen Sachausschüssen mit wichtigen gesellschaftlichen Fragen – vom Leben in ländlichen Räumen bis hin zu „Ethik und Inklusion“ – eben jener Sachausschuss, dem Nickenich angehört. Gemeinsam mit Reinhard Boesten aus dem Pastoralen Raum Schweich, Clemens Keller aus Neunkirchen, Jérome Laubenthal aus Nohfelden, Gerda Baums aus Mayen sowie Nicole Glasen aus Jünkerath und Marita Mosebach-Amrhein aus der Eifel berät Brigitte Nickenich derzeit über zwei besonders kontrovers diskutierte Themen: das neue Bestattungsgesetz in Rheinland-Pfalz und den assistierten Suizid. Wie kann und soll der Katholikenrat sich als Gremium der von Pastoralen Räumen und katholischen Verbänden Abgeordneten positionieren?

Aktuelle Zeitfragen debattieren und Impulse geben
Zum Thema assistierter Suizid (seit 2020 legal) hat sich der Ausschuss in seiner Herbstsitzung Professor Martin Lörsch eingeladen. Der Bistumspriester hat sich in Pastoralpsychologie fortgebildet, mit einem Schwerpunkt auf Suizidforschung. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Hildegardstiftung, Trägerin von Altenhilfeeinrichtungen, Reha-Kliniken, Akutkliniken und dem Jugendhilfezentrum Haus auf dem Wehrborn. Lörsch führt vertiefend ins Thema ein, betont, dass Suizide „keine Privatangelegenheit“ seien, sondern statistisch rund sechs bis sieben Menschen aus dem näheren Umfeld mit betreffen. Nach einer engagierten Diskussion ist sich der Sachausschuss einig: Vor allem der „geschäftsmäßig“ organisierte assistierte Suizid und Entwürfe ohne vorherige Beratungen seien abzulehnen. Das Argument von Clemens Keller, 80, Gynäkologe im Ruhestand, trifft auf große Resonanz: Entscheidend sei, den Menschen helfen zu wollen, weiterzuleben. Und dazu soll der Katholikenrat vor allem Impulse zur Prävention von Suizid-Wünschen setzen. Das sei auch Thema für die Seelsorgenden vor Ort, denn oft sei Einsamkeit ausschlaggebender Faktor. Der Sachausschuss ist sich einig, dass Kirche eine Rolle spielen müsse, wenn es um gutes Zusammenleben und das Verhindern von Einsamkeit gehe. Hierzu müssten in Kooperation mit der evangelischen Kirche, Sozialdiensten, Kommunen und anderen Partnern Konzepte erarbeitet werden.
Innovative Ideen und Fortbildungen zum Thema assistierter Suizid
Gerda Baums, 61, hat jahrelang als Familienpflegerin gearbeitet und Kontakt mit vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in schwierigen Lebenssituationen. Sie sagt, dass es vor allem Pflege- und Familiendienste seien, die mit mehr Zeit und Budget ausgestattet werden müssten, da sie sowieso vor Ort seien. Nur auf ehrenamtliche Besuchsdienste zu zählen, reiche nicht. Reinhart Boesten, der im Brüderkrankenhaus Trier den Sozialdienst mit aufbaute und jahrzehntelang dort arbeitete, stimmt ihr zu – es fehle schlichtweg die Man-Power, in Quartiere zu gehen und alte, einsame Menschen zu besuchen. Doch auch da gebe es innovative Ideen, sagt Lörsch. So habe das Erzbistum Köln etwa Kirchensteuermittel für Zeit-Gutscheine verwendet, die bei Pflegediensten eingelöst werden konnten, sodass die Mitarbeitenden sich mehr Zeit für Gespräche nehmen konnten. Es gelte, so Lörsch, das Thema präsent zu halten, so wie zuletzt ein Pastoraler Raum in der Eifel das durch eine ganze Themenwoche getan habe. Und für Brigitte Nickenich, die seit über 30 Jahren als Krankenschwester arbeitet – „jetzt im Endspurt“, wie sie schmunzelt – müsse es mehr Fortbildungen zu dem Thema in Kliniken geben. Nur in ihrer Ausbildung sei es kurz um aktive und passive Sterbehilfe gegangen – ein völlig anderes Konzept als assistierter Suizid.

Kirche kann Antworten bei existenziellen Fragestellungen bieten
Auch beim zweiten Thema des Tages, dem neuen Bestattungsrecht, geht es um die Menschenwürde, die nicht mit dem Tod aufhört, sondern auch nach einer Bestattung gewahrt werden soll. Wieder ringen sie miteinander, diskutieren, einigen sich am Ende auf Statements oder nächste Schritte. Reinhard Boesten begründet sein Engagement im Sachausschuss so: „Aktuell geht es in unseren gesellschaftlichen Fragen oft um Nützlichkeit, Durchsetzbarkeit, rechtliche Möglichkeiten, aber immer weniger um echte ethische Debatte. Das meine ich nicht religiös, aber eben nach ethischen Grundsätzen.“ Jérome Laubenthal hat sich schon zu Schüler- und Studentenzeiten für die Belange behinderter Menschen eingesetzt. „Ich möchte die Stimme eines selbst Betroffenen für die Belange von Inklusion einbringen und die allgemeine Sichtbarkeit des Themas Behinderung in der Gesellschaft verbessern.“ Auch wenn es heute um zwei andere Sachfragen ging – das Thema Inklusion schwingt immer mit. Egal, aus welchem persönlichen Hintergrund sich die Mitglieder des Sachausschusses für Fragen der Ethik und Inklusion engagieren, um eines geht es ihnen allen: Sie wollen zeigen, dass katholische Kirche gesellschaftlich präsent ist, dass sie bei existenziellen Fragen Antworten bieten möchte, dass sie ein Akteur ist. „Wir vertreten die Anliegen der Katholiken in der Öffentlichkeit – das ist unsere Aufgabe“, sagt Nickenich.